Gesundheit hat ein Geschlecht

- Als die junge Frau am Morgen aufwacht, quälen sie Bauchschmerzen und Übelkeit. Ein stechender Schmerz zwischen den Schulterblättern lässt sie aufstöhnen. Benommen sinkt sie in ihr Kissen zurück. Sie bekommt keine Luft mehr. Ein Herzinfarkt kündigt sich bei Frauen mit völlig untypischen Symptomen an. Doch nicht nur beim "Eva-Infarkt" leiden Frauen und Männer anders. "Gesundheit und Krankheit haben ein Geschlecht", meint Professorin Vera Regitz-Zagrosek von der Berliner Charité.

Sie leitet das einzige Zentrum für Geschlechtermedizin in Deutschland. "Männer und Frauen unterscheiden sich nicht nur durch die Geschlechtsorgane." Eine Erkenntnis, die sich selbst unter Medizinern erst langsam durchsetzt.

Östrogene beeinflussen das Schmerzempfinden

"Bei Bauchschmerzen und Übelkeit denken viele Frauen an eine harmlose Magen-Darm-Infektion", sagt Regitz-Zagrosek. Ein Irrtum, der fatale Folgen haben kann. Denn was selbst mancher Mediziner nicht weiß: Schmerzen und ein Enge-Gefühl in der Brust sind bei Frauen selten. "Nach einem Infarkt kommen Frauen im Schnitt eine Stunde später zum Arzt als Männer", sagt die Professorin.

Doch nicht nur die Herzen von Frauen schlagen anders. Das weibliche Abwehrsystem reagiert ebenfalls stärker als das von Männern - manchmal zu stark: An rheumatoider Arthritis und Allergien leiden sie deshalb viel öfter.

Doppelt so häufig erkranken Frauen auch an Depressionen. Vor allem das Geschlechtshormon Östrogen bringt ihr Seelenleben offenbar aus dem Gleichgewicht. Denn im Lauf des Monats schwankt seine Konzentration stark. Veränderungen, die frau auch bei der Wahl des richtigen Arzttermins berücksichtigen sollte. Denn Östrogene verstärken nach Meinung von Experten das Schmerzempfinden.

Unterschiede im Stoffwechsel können dagegen die Wirkung von Arzneimitteln beeinflussen. Das Verdauungssystem von Frauen arbeitet viel langsamer - Medikamente, die über den Darm aufgenommen werden, brauchen bei Frauen länger, bis sie wirken. Sind sie erst einmal im Blutkreislauf, werden sie durch besonders aktive Leber-Enzyme schneller wieder abgebaut.

Wenig erforscht ist indessen auch, wie Arzneimittel im weiblichen Körper wirken. Frauen sind bei der Pharmaindustrie als Studienteilnehmer unbeliebt: Ihr schwankender Hormonspiegel beeinflusst auch die Wirkung der Medikamente.

Sollen dennoch Frauen einbezogen werden, ist eine größere Anzahl an Versuchspersonen nötig. Ein Mehraufwand, den kein Unternehmen freiwillig bezahlt. Weibliche Studienteilnehmer suchen die Arzneimittelproduzenten erst, seit sie eine EU-Verordnung dazu zwingt. Betroffen sind davon aber nur neue Medikamente.

Doch nicht immer sind die altbewährten Mittel auch für Frauen geeignet. "Acetylsalicylsäure reduziert zwar das Risiko eines Schlaganfalles", so die Professorin, "vor einem Herzinfarkt schützt es aber nicht." Für Männer gilt das Umgekehrte - auch sie profitieren von der Geschlechterforschung.

Doch selbst der Arzt, der sich um eine spezifische Behandlung für Frau und Mann bemüht, hat es nicht leicht. Denn sogar die richtige Menge muss er oft durch Versuch und Irrtum herausfinden. Die Packungsbeilage gibt meist nur die richtige Dosierung "für Erwachsene" an, die Menge für einen 80 Kilogramm schweren Mann. "Für eine zierliche Frau kann das zu viel sein", warnt Vera Regitz-Zagrosek. Gefährlich wird es auch, wenn die Nierenfunktion eingeschränkt ist - oft bei älteren Frauen, die sehr klein sind. Die Arzneien müssen niedriger dosiert werden.

Doch warum sind Frauen anders krank? Die Wissenschaftler glauben, dass die Ursache in den Genen liegt: Während Männer nur ein X-Chromosom haben, besitzen Frauen zwei. "Eines davon wird unterdrückt", erklärt Vera Regitz-Zagrosek. "Allerdings nicht vollständig." Experten haben die doppelten Gene nun im Verdacht, Krankheiten auszulösen. Denn neben der Erbinformation für die weiblichen Geschlechtsmerkmale enthält das X-Chromosom auch Gene für viele andere Funktionen. Vielleicht werden bei Rheuma-Patientinnen zu wenige von ihnen ausgeschaltet - die Reaktion ihres Immunsystems schießt über.

Zum Weiterlesen:

Unbekannte Patientin, von Birgit Frohn und Claudia Praxmayer, 2006, Ullstein Verlag Berlin, 245 S., 19,95 Euro, ISBN 3-550-07880-3

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