Ein Gigant rüstet gegen die Vogelgrippe

- München - Es wird kommen, das tödliche Duell zwischen dem Menschen und dem Killervirus. Dann, wenn die Vogelgrippe lernt, von Mensch zu Mensch überzuspringen. Darin sind sich die Experten einig. Nur über den Kampfbeginn spekulieren sie noch. Doch ein Gewinner steht jetzt schon fest. Er heißt Hoffmann-La Roche und ist Inhaber des Patents von Tamiflu.

Seit die Angst vor der Vogelgrippe und einer Pandemie mit Millionen von Toten die Welt erfasst hat, wird der Pharma-Konzern von Nachfragen überrannt. Denn im Ernstfall, so heißt es, soll das Medikament Leben retten. Regierungen, Gesundheitsorganisationen und vorsorgende Privatleute, alle verlangen danach. 50 Länder haben laut Konzernangaben bereits bestellt. Auch Bayern hat für mehrere Millionen Euro eingekauft.

Tamiflu in Münchner Apotheken ausverkauft

In den Apotheken boomt das Geschäft mit Tamiflu ebenfalls. Gerade einmal zehn Packungen des Influenza-Mittels gingen 2004 über die Theke in der Marienapotheke in der Münchner Innenstadt. Im laufenden Jahr waren es bereits 230. "Und 50 Kunden warten noch auf ihre Bestellung", sagt Nicole Stark, pharmazeutisch-technische Assistentin. In der Wittelsbacher Apotheke stehen sogar 62 Kunden auf der Bestellliste.

Angesichts des explodierenden Bedarfs tauchen immer mehr kritische Stimmen auf: Kann der Basler Konzern die gigantischen Mengen überhaupt liefern? Sollte der Grippe-Erreger mutieren, wären es auf einen Schlag Hunderte Millionen Tabletten.

Kein Problem, sagt Roche - und lädt, um das zu untermauern, zu einer großen Pressekonferenz nach Basel. Zwar gibt das Unternehmen zu, Großhändlern derzeit nicht jeden Wunsch zu erfüllen. Allerdings nur im Hinblick auf die allwinterliche Grippewelle. "Wir halten hierfür Vorräte zurück", sagt Pharmachef William Burns. Hamsterkäufe, um Tamiflu im Kühlschrank zu horten - solche Panik-Reaktionen hält er derzeit für übertrieben. "Die Situation ist noch nicht akut." Und bis die Killergrippe da sei, werde für genügend Tamiflu gesorgt sein, versichert er.

Tatsächlich ist es dem Konzern nach eigenen Angaben 2005 gelungen, die Produktion auf 55 Millionen Behandlungen zu steigern. Bis 2007 will Roche die Herstellung noch einmal beinahe versechsfachen, auf 300 Millionen Behandlungs-Pakete. Der Konzern sucht dazu weltweit nach Partnern, die im besten Fall die Pillen selbst herstellen. So soll zum Beispiel Vietnam den letzten Schritt der Medikamenten-Produktion bald selbst übernehmen.

Infizierte Mäuse, die kein Tamiflu bekamen, starben

Bis Ende November will Roche alle Partner versammelt haben, um die 300 Millionen Dosen zu stemmen. Regierungs-Bestellungen in dieser Höhe gebe es noch nicht, räumt Burns ein. "Wir tun das auf unser eigenes Risiko."

Dass dieses Risiko nicht zu groß wird, dafür sorgt in Basel der Londoner Professor John Oxford. Im hellblauen Knitter-Anzug erzählt er bilderreich von der Geschichte der Grippe. In den Jahren 1918/19 soll die Spanische Grippe 50 Millionen Menschen getötet haben - grob geschätzt. Auch damals sei das Virus unmittelbar vom Vogel auf den Menschen gesprungen. "Achtung, der Feind steht vor den Türen", warnt Oxford. Und: "Wenn wir diese Klasse von Arzneimitteln (zu der Tamiflu gehört) nicht hätten, wären wir nackt."

Auch das Problem der resistenten Viren, die sich bald nach der Einnahme von Tamiflu entwickeln, sieht der Experte nicht als Problem. Sie seien "verkrüppelt". Wenig aggressiv. "Die Resistenzen werden sich nicht stark verbreiten." Ein Journalist fragt Oxford später, ob er Roche-Aktien besitzt. "Natürlich nicht", bekräftigt er.

Doch nicht nur der Londoner Virologe empfiehlt den Regierungen nachdrücklich, Vorräte an Tamiflu anzulegen. Die Weltgesundheitsorganisation und das Robert-Koch-Institut für Infektionskrankheiten werben für Tamiflu. Denn bis ein Impfmittel gegen das zum Killervirus mutierte H5N1 vorhanden wäre, dürfte es Monate dauern. In der Zwischenzeit könnte Tamiflu Leben retten. Es mildert den Verlauf einer Grippe, wenn es spätestens 48 Stunden nach den ersten Symptomen verabreicht wird.

Auch zur Prävention lässt es sich einsetzen. Offenbar wirkt die Arznei, wie auch Relenza aus derselben Medikamentengruppe, gegen alle Influenza-Viren - auch gegen die bisher bekannte Form der Vogelgrippe. Tests im Labor haben das gezeigt. Man verabreichte infizierten Mäusen die Arznei. Die Hälfte überlebte. Ohne Tamiflu starben sie alle.

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