Glaube, Hoffnung, Heilung

- Eine Prozession weiß gekleideter Menschen drängt ins Krankenzimmer. Vorne schreitet der Chefarzt, hinter ihm Schwestern und angehende Fachärzte, das Stethoskop locker um den Hals. Sie diskutieren über Hämatome, Frakturen und Injektionen. Die Patientin lauscht ehrfürchtig, vertraut dem Wissen der Experten. Die Schmerzen verschwinden - schon bevor sie die verordneten Tabletten eingenommen hat.

Lange als reine Einbildung abgetan, ist der sogenannte Placebo-Effekt heute als biochemisches Phänomen anerkannt. Ob Tabletten, die nur Stärke enthalten, oder die Kochsalzlösung im Tropf - allen ist gemeinsam, dass sie keinen Wirkstoff enthalten. Trotzdem helfen sie, wenn der Patient daran glaubt. Neue Arzneimittel müssen deshalb in Studien nicht nur ihre Wirksamkeit beweisen. Sie müssen sich auch gegen Placebos durchsetzen.

Auch die Pillen-Farbe beeinflusst die Wirkung

Noch ist nicht klar, warum bereits der Besuch in der Arztpraxis heilend wirken kann. Entscheidend ist wohl die Erwartung des Patienten. Je mehr sich der Kranke von einer Behandlung erhofft, je mehr er dem Arzt und seinem Wissen vertraut, desto stärker wirkt das medizinische Phänomen.

Selbst Farbe und Größe der Pillen entscheiden über die Stärke des Placebo-Effekts mit. Forscher haben herausgefunden, dass kleine und rote Tabletten besonders gut helfen. Von Infusionen und Spritzen versprechen sich viele Patienten noch mehr Hilfe - umso stärker ist der Effekt. Am meisten erhoffen sich viele Kranke von Operationen, wie ein Experiment des texanischen Arztes Dr. James Bruce Moseley mit Arthrose-Patienten gezeigt hat. Bei der Hälfte der Studienteilnehmer setzten die Mediziner nur einen kleinen Schnitt, um eine Operation vorzutäuschen. Fast allen ging es hinterher besser.

Für einen Placebo-Effekt braucht es indes nicht immer Weißkittel und Pillen. Bläst die Mutter über das aufgeschürfte Knie ihres Kindes, tut es schnell nicht mehr weh. Auch Salbe, Pflaster und Gummibärchen helfen. Bei Erwachsenen wecken alternative Heilmethoden ähnlich große Hoffnungen. Ob Homöopathie, Bachblüten oder Akupunktur - viele Schulmediziner sehen auch hier nur Placebo-Effekte. Denn der Wirkstoff der Globuli und Tropfen ist nicht nachweisbar, Akupunkturnadeln, die an der falschen Stelle oder gar nicht in die Haut eindringen, wirken trotzdem. Wohl nicht zuletzt, weil sich der Heilpraktiker in der Regel viel Zeit für den Patienten nimmt und auch auf dessen Seelenleben eingeht.

Doch damit schon ein paar Kügelchen zur Heilung führen, muss der Patient gute Erfahrungen gemacht haben. Manche Psychologen erklären den Placebo-Effekt mit der Theorie der Klassischen Konditionierung. Danach kann das Gehirn zwei völlig unabhängige Ereignisse verknüpfen, wenn sie nur oft genug gleichzeitig stattgefunden haben. Wer also nachlassende Schmerzen und Tabletteneinnahme verbindet, wird auch beim nächsten Mal auf Pillen vertrauen - selbst wenn sie nur Milchzucker enthalten.

Was diese Erwartungshaltung im Körper bewirkt, ist nur in Ansätzen geklärt. Kernspintomografische Aufnahmen des Gehirns haben gezeigt, dass drei Bereiche nach Placebo-Behandlung nicht aktiv werden - alle sind an der Verarbeitung von Schmerz beteiligt.

Auf die Spur der biochemischen Ursache des Phänomens kamen Forscher durch die sogenannte Positronen-Emissionstomografie.

Die Bilder aus dem Gehirn sollten zeigen, wie Injektionen mit Kochsalzlösungen den Schmerz verschwinden lassen. Das Ergebnis: Ist die Erwartung groß genug, produziert der Körper offenbar Endorphine. Diese können ähnlich wie Morphium Schmerz hemmen. "Einen wirklichen Nachweis bietet aber nur der Tierversuch", sagt Professor Karl Messlinger vom Institut für Physiologie der Universität Erlangen.

Doch nicht nur bei Schmerzen, selbst bei schweren organischen Erkrankungen soll der Placebo-Effekt zumindest Linderung bringen. Als Erklärung nennen Mediziner oft die Selbstheilungskräfte des Körpers. Was tatsächlich zur Heilung führt, ist nicht bekannt. Experten vermuten, dass sogenannte T-Zellen des Immunsystems aktiviert werden. "Ich bin überzeugt davon, dass es zwischen Psyche und Immunsystem Wechselwirkungen gibt", sagt Messlinger.

Übelkeit durch den Nocebo-Effekt

Ob man sich aber für alternative Heilmethoden oder für die Schulmedizin entscheidet - an mögliche Nebenwirkungen sollte man lieber nicht denken. Schnell kehrt sich der Placebo-Effekt ins Gegenteil um, in den sogenannten Nocebo-Effekt. Warnt der Arzt vor möglicher Übelkeit, kann selbst die Tablette ohne Wirkstoff zum Erbrechen führen. Wer also immer das Schlimmste annimmt, wird noch im Krankenbett liegen, wenn die Zimmernachbarin längst zu Hause ist.

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