Glücklich mit 100 Jahren

- Selbstbewusst lacht Irene Sinclair unter ihrem Seidenturban aus dem Großflächenplakat. Hals und Gesicht über den nackten, braunen Schultern überziehen zahllose Falten, Runzeln und Altersflecken. Sinclair ist 96 Jahre und seit kurzem Model.

Letzten Herbst wurde sie in einem Altenheim im Norden Londons entdeckt. Auch die anderen Models der Werbekampagne fallen aus dem Rahmen der gängigen Schönheitsstereotypen: Grauhaarig oder pummelig, flachbusig oder die Haut übersät mit Sommersprossen. "Ich mache bei dieser Kampagne als Botschafterin für ältere Menschen mit und möchte zeigen, dass wir noch viel zu bieten haben", meint Sinclair.

Damit liegt die Kampagne im demografischen Trend: Die Menschen werden immer älter. Schon jetzt beträgt der Anteil der über 60-Jährigen rund 44 Prozent. Prognosen zufolge werden im Jahr 2030 mehr als 71 Prozent der Bundesbürger 60 Jahre und älter sein. Es gibt nicht nur immer mehr alte Menschen, sie leben auch immer länger. Seit 1840 ist die Lebenserwartung in den Industrieländern stetig gewachsen und zwar drei Monate pro Jahr. Heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 75,3 Jahren für Männer und 81,2 Jahren für Frauen. Diese zusätzlichen Lebensjahre wurden durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren erreicht: steigender Wohlstand, Bildung, gesunde Ernährung, humane Arbeitsbedingungen, verbesserte Hygiene und medizinische Versorgung.

Im Jahr 2050 werden wir bis zu 86 Jahre alt

Laut James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts (MPI) für demografische Forschung in Rostock, gibt es keine Anzeichen, dass dieser Anstieg der Lebenserwartung bald gebremst würde. "Man weiß nicht, welche medizinischen Durchbrüche oder Innovationen aus der Genom- und Stammzellenforschung und der Nanotechnologie zu Fortschritten bei Prävention, Diagnose und Behandlung von Alterskrankheiten wie Krebs, neurogenerative und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen können", meint er. Das Statistische Bundesamt schätzt die Lebenserwartung im Jahr 2050 auf 86,6 Jahre. Rainer Gladisch, Direktor der Universitäts-Klinik Mannheim, meint, das genetisch vorprogrammierte Höchstalter liege bei 120 bis 140 Jahre. "Eine Obergrenze der Lebenserwartung ist nicht in Sicht", ist jedoch Vaupel überzeugt.

Studien aus Heidelberg, Leipzig und Seattle zeigen, dass zwei Drittel der über 60-Jährigen sich als glücklich bezeichnen. Ein Drittel der Personen über 100 ist rüstig, die Hälfte kränkelt mehr oder weniger und nur 20 Prozent sind körperlich oder geistig siech. In der Heidelberger 100-Jährigen-Studie gaben alle Befragten, auch die gesundheitlich eingeschränkten an, sehr zufrieden mit ihrem Leben zu sein. Bei der Befragung der 100-Jährigen sowie deren Angehörigen stellten die Heidelberger Forscher eine relativ übereinstimmende Persönlichkeitsstruktur fest: Die Hochbetagten sind überwiegend emotional stabil, aufgeschlossen, gewissenhaft, verträglich und eher gelassen.

Die Untersuchung zeigt ebenfalls, dass viele geistige Fähigkeiten bis zum 75. Lebensjahr intakt bleiben, erst ab 80 Jahren wurden Verschlechterungen beobachtet. Dass wir altern, ist nicht zu übersehen, aber warum wir es tun, ist bis heute ein Rätsel. Erste Studien mit Zwillingen deuten darauf hin, dass neben Umweltbedingungen und persönlichem Lebensstil Langlebigkeit zu einem Viertel genetisch bestimmt ist.

Diesen Genen will nun das Forschungsvorhaben "Gesundes Altern" auf die Spur kommen, für das 26 Institute in elf EU-Ländern rund 3 000 Geschwisterpaare, die über 90 Jahre alt sind, untersuchen wollen. Langzeitstudien aus Heidelberg, Leipzig und Seattle zeigen, dass zwei Drittel der über 60-Jährigen sich als glücklich bezeichnen. Die meisten der 100-Jährigen Befragten gaben zudem an, mit ihrem Leben sehr zufrieden zu sein, auch wenn sie gesundheitlich eingeschränkt waren.

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