Google greift Microsoft mit Internet-Browser an

New York/Hamburg - Zehn Jahre nach dem Ende des "Browserkriegs" zwischen Microsoft und Netscape startet jetzt der Suchmaschinengigant Google einen neuen Angriff auf den weltgrößten Softwarekonzern.

Am Dienstag veröffentlichte Google seinen neuen Web-Browser Chrome, der nicht nur den Marktanteil des Internet Explorers weiter zurückdrängen soll. Mit Chrome will Google auch ein technisches Fundament für seine Online-Anwendungen bauen, die unmittelbar mit Programmen wie "Microsoft Office" im Wettbewerb stehen.

Der Internet Explorer von Microsoft ist bislang noch mit Abstand Marktführer. Über 72 Prozent aller Internet-Anwender verwenden nach der jüngsten Erhebung von Net Applications den Microsoft-Browser, um im Internet zu stöbern. Allerdings hatte in jüngster Zeit insbesondere der freie und quelloffene Browser Firefox von Mozilla an Popularität gewonnen und einen Anteil von knapp 20 Prozent erreicht.

Technologisch stellt sich Google nun an die Seite von Apple. Der kalifornische Elektronikkonzern erreicht mit Safari immerhin noch einen Anteil von gut sechs Prozent. Chrome setzt wie Safari auf dem von Apple koordinierten Open-Source-Projekt WebKit auf, das unter anderem in Nokia-Handys, dem iPhone von Apple sowie dem Mobilfunksystem Android von Google verwendet wird.

"Wir haben erkannt, dass sich das Web von hauptsächlich einfachen Textseiten hin zu reichhaltigen, interaktiven Anwendungen entwickelt hat", schrieb Google-Vizepräsident Sundar Pichai auf der Unternehmenswebsite. "Daher mussten wir den Browser komplett überdenken." Google wolle eine "moderne Plattform für Webseiten und Anwendungen" anbieten.

Ein Markterfolg von Google Chrome lässt sich aber nicht programmieren. Viele Internet-Anwender sind einfach zu bequem oder technisch zu unerfahren, um den Standard-Browser auf ihrem PC oder Mac auszutauschen. Und auf quasi allen neuen Windows-PCs ist der Internet Explorer von Microsoft vorinstalliert. Apple rüstet seine Macs serienmäßig mit dem Safari-Browser aus. "Nur weil ein Google- Browser veröffentlicht wird, heißt das noch lange nicht, dass ihn jeder benutzen wird", sagte Danny Sullivan, Chefredakteur des Onlinedienstes "Search Engine Land" dem "Wall Street Journal".

Microsoft profitiert auch davon, dass sich die Konkurrenten des Internet Explorers wohlmöglich gegenseitig das Wasser abgraben. So erwarten Beobachter, dass Chrome sich vor allem zulasten des Mozilla-Projektes Firefox verbreiten wird, das bislang von Google gefördert wurde. Mozilla-Chef John Lilly räumte am Dienstag ein, dass Chrome den Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Web-Browser- Plattformen anheizen werde. "Wettbewerb führt aber häufig zu der einen oder anderen Innovation", schrieb Lilly in seinem Blog.

Neue Maßstäbe setzte Google bei der Kommunikation seiner neuen Browser-Strategie. Der Suchmaschinenriese ließ ein 40 Seiten dickes Buch zeichnen, in dem die maßgeblichen Entwickler aus dem kalifornischen "Googleplex" in Mountain View und dem Google- Forschungslabor in Aarhus in Dänemark als Comic-Figuren die technischen und strategischen Hintergründe erläutern. Eine vorzeitige Veröffentlichung des Comics auf dem Blog "Google Blogoscoped" führte dann zu einer vorzeitigen Veröffentlichung des Browsers am US- Feiertag "Labor Day".

(Internet: Chrome-Ankündigung im Google Blog: http://googleblog.blogspot.com/2008/09/fresh-take-on-browser.html

Blog "Google Blogoscoped": http://blogoscoped.com/google-chrome/

Comic zu Google Chrome: http://www.google.com/googlebooks/chrome/ )

Dem "Wall Street Journal" zufolge hat Google etwa zwei Jahre an dem Browser gearbeitet. Beim Internet-Konzern sei die Sorge gewachsen, Microsoft könnte mit seinem Browser Nutzer für seine eigene Suchmaschine gewinnen, was Googles Marktanteil drücken würde, hieß es unter Berufung auf informierte Personen.

Der Vorstoß von Google weckt angesichts des angespannten Verhältnisses mit Microsoft Erinnerungen an den sogenannten "Browser-Krieg" Mitte der 90er Jahre. Microsoft hatte damals binnen kurzer Zeit den zunächst führenden Netscape Navigator zur Bedeutungslosigkeit geschliffen, unter anderem durch die kostenlose Beigabe des Explorer zum Windows-Betriebssystem.

Microsoft hatte erst vor wenigen Tagen die zweite Testversion seines neuen Internet Explorer 8 vorgestellt, der nach Einschätzung von Experten mit den aktuellen Ausgaben von Firefox und Safari mithalten kann. Einige Beobachteter merkten dazu an, neue Datenschutz-Optionen im Internet Explorer könnten Google das Geschäft mit sogenannter Kontext-bezogener Werbung erschweren. Solche Anzeigen, die passend zum Beispiel zu Suchergebnissen eingeblendet werden, sind das Kerngeschäft des Internet-Konzerns. Der Google-Browser soll aber ähnliche Einstellungen ermöglichen, bei denen der Nutzer Daten für sich behalten kann.

Der Chrome-Browser kommt außerdem pünktlich zum Erscheinen der ersten Handys mit dem von Google initiierten Betriebssystem Android. Die mobile Internetnutzung gilt als das nächste große Wachstumsfeld. Apple mischt hier mit Safari auf dem iPhone mit.

Die überraschende Ankündigung der neuen Software geht laut Google auf eine Panne zurück. Das Unternehmen schickte dem Internet-Blog Google Blogoscoped zu früh eine Kopie eines Comics, in dem auf knapp 40 Seiten in anschaulicher Form die Vorzüge von Chrome dargestellt werden sollen. Nachdem die Information sich dadurch im Netz ausbreitete, reagierte Google mit der offiziellen Stellungnahme.

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