+
Nicht jeder will bei Google gefunden werden. Viele Nutzer beantragten jüngst die Löschung peinlicher Links.

Doch kein Recht auf Vergessen?

Google verweigert erste Löschanträge

München - Seit Mai haben Bürger der EU ein Recht auf Vergessen - und nun das: Google hat einer Vielzahl von Privatpersonen die Löschung von unliebsamen Links verweigert. Diese Informationen hat der Münchner Merkur erhalten.

Der Journalist am anderen Ende der Leitung hatte offenbar große Hoffnungen auf das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zum sogenannten Recht auf Vergessen gesetzt. Ausführlich erklärte er Thilo Weichert, dem Chef des Unabhängigen Datenschutzzentrums Schleswig-Holstein, seinen Fall. Wegen bis heute unbewiesener Verdachtsmomente hatten Kollegen mehrere für den Reporter unliebsame Artikel verfasst. Diese tauchen noch immer bei Google auf, wogegen der Anrufer gerne vorgehen würde. Doch allzu viel Hoffnung hat ihm Weichert sicher nicht gemacht.

Denn die Chancen, die lästigen Einträge im größten Internetarchiv der Welt loszuwerden, stehen für Personen des öffentlichen Lebens schlecht. Schließlich nahmen die EuGH-Richter bei ihrem Urteil Menschen, an deren Wirken es „ein besonderes Interesse zur Berichterstattung“ gebe, explizit aus. Nichtsdestotrotz versuchen offenbar auch bekannte Persönlichkeiten vom Urteil zu profitieren. „Neben Normalbürgern haben sich in den vergangenen Wochen auch Prominente erkundigt, ob sie Einträge bei Google löschen lassen können“, sagt Weichert. Auch Anfragen von Politikern habe es gegeben.

Der EuGH hatte im Mai entschieden, dass Google unter bestimmten Umständen Verweise auf Internetseiten mit sensiblen persönlichen Daten aus der Liste der Suchergebnisse löschen muss. Bis Ende Juni hatte der Konzern, der hierzulande einen Marktanteil von gut 90 Prozent hält, europaweit bereits rund 70.000 Anträge auf Löschung erhalten – der Großteil stammt von Normalbürgern. Seither läuft deren Prüfung.

Zwölf abgelehnte Löschanträge innerhalb von fünf Tagen

Bereits Anfang Juli hatte Google nach eigenen Angaben in Deutschland begonnen, erste Beiträge aus dem Netz zu tilgen. „Mein erster Eindruck ist, dass der Konzern den Löschanträgen von Privatpersonen in der Regel nachkommt“, berichtet Weichert. Wegen der hohen Anzahl der Anträge tue sich das Unternehmen bei der Bearbeitung jedoch schwer.

Das Büro des für Google zuständigen Hamburger Datenschutzbeauftragten bestätigt ebenfalls, dass es erste Löschungen gegeben hat. Allerdings gingen dort auch bereits die ersten Beschwerden von Betroffenen ein, deren Löschanträge von dem US-Konzern abgelehnt wurden. Das sagte ein Sprecher der Behörde auf Anfrage. Ein Dutzend solcher Beschwerden sei allein von Montag bis Freitagmittag dieser Woche eingegangen. „Das waren alles normale Bürger und keine Prominenten“, so der Sprecher.

Ob diese Löschanträge zu Unrecht abgelehnt wurden, lasse sich noch nicht sagen. Auch hätten die negativen Bescheide keinerlei Aussagekraft darüber, ob Google besonders viele oder wenige Löschanträge von Privatleuten ablehne. Dazu seien die Fallzahlen zu gering.

Ein Problem gibt es aber in jedem Fall: Datenschützer kritisieren, dass unklar ist, nach welchen Kriterien Google festlegt, ab wann jemand eine Person des öffentlichen Lebens ist. Weichert hat den Eindruck, dass Google dann von einer Löschung des Eintrags absehe, wenn es bei der Suche nach der sich beschwerenden Person eine hohe Anzahl an Treffen gebe.

Der Deutsche Journalistenverband fürchtet um die Pressefreiheit

Ob jemand prominent ist oder nicht, darüber entscheidet laut Google, deren deutsche Niederlassung für eine Stellungnahme nicht erreichbar war, ein geheimer Algorithmus. Politiker, Unternehmen sowie gesellschaftliche Organisationen könnten zudem versuchen, unliebsame Fälle von Berichterstattung mit Löschanträgen aus den Suchmaschinen zu verbannen. Tatsächlich tilgte Google jüngst bereits aufgrund von Löschanträgen mehrere Links zu Zeitungsartikeln aus seinem Suchmaschinen-Index: Darunter etwa Artikel aus der „Süddeutschen Zeitung“ und der „taz“ sowie einen Beitrag aus dem „Spiegel“, in dem es um eine Sekte ging.

Der Deutsche Journalistenverband fürchtet um die Pressefreiheit. „Das sind schwerwiegende Fälle“, sagt Sprecher Hendrik Zörner. Zwar bleiben die Artikel der Zeitungen selbst online – doch ohne Google sind sie kaum noch zu finden.

Und das könnte erst der Anfang sein. Mit Bing hat gerade eine zweite große Suchmaschine Löschanträge ins Netz gestellt. Tatjana Halm, Rechtsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern, rät Privatpersonen, die einen peinlichen Link bei einer Suchmaschine löschen lassen wollen, dies möglichst rasch zu beantragen. Sie weist allerdings daraufhin, dass selbst wenn Google den Link europaweit beseitige, dieser auf den USSeiten des Konzerns noch immer abrufbar sei.

Tobias Lill

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Endlich! Neue WhatsApp-Funktion schafft mehr Speicherplatz 
Mountain View - Schluss mit zugemüllten WhatsApp-Gruppen und überlasteten Speicherplätzen: Dank des neuen WhatsApp-Features haben Sie endlich wieder mehr Platz auf dem …
Endlich! Neue WhatsApp-Funktion schafft mehr Speicherplatz 
„Code+Design Camp“: Ein Hackathon für alle jungen Münchner
Vier Tage lang programmieren, basteln, Ideen ausarbeiten: Diese Gelegenheit will ab 6. Juni ein Camp allen jungen Münchnern geben - unabhängig vom Geldbeutel.
„Code+Design Camp“: Ein Hackathon für alle jungen Münchner
Huaweis Matebook: Über drei Pins mit Tastatur verbinden
Convertibles haben Konjunktur. Darunter versteht man Geräte, die User als Tablets und als Notebooks verwenden können. Ein neues Modell hat jetzt der chinesische …
Huaweis Matebook: Über drei Pins mit Tastatur verbinden
Retro-Telefon Nokia 3310: Austausch statt Reparatur
Nostalgikern sollte das Herz höher schlagen: Das Nokia 3310 ist wieder da. Wer sich für die neuaufgelegte Version des Uralt- Telefons entscheidet, sollte wissen: Im Fall …
Retro-Telefon Nokia 3310: Austausch statt Reparatur

Kommentare