Granteln für die Einheit

- Du gscheada Biffe - boisd ned glei schaugsd dass di schwingsd, na fangst oine!" "Du Misthund du vareeggda - da Deifi soid di hoin". Ein auf bairisch geführter Schlagabtausch kennt kein Pardon: Da wünschen sich der "verreckte Misthund" und ein "geschorener Büffel" schon mal gegenseitig zum Teufel. Dass es dabei tierisch zugeht, versteht sich von selbst.

Das Repertoire reicht von "Aff’" und "Rindviech" über "Henna" (Henne) und "Kua" (Kuh) bis zum Kamel oder Ochs. Wortgewandt zeigen sich die Streithähne auch bei den Ausschmückungen: Ob "greisli" (greußlich), "dreeggad" (dreckig), "bled" (blöd) oder "misarawi" (miserabel), nichts bleibt unversucht, um den Gegner abzuwatschen. Ja, für einen deftigen Streit ist der Bayer immer zu haben. Oder!?

Pauschale Abwertung ganzer Dörfer

Und ein solches Gerangel hatte -zumindest in früheren Zeiten -absolut nichts Anrüchiges. "A Raaffads (Geraufe) samt vorausgehendem Dialog (Siehe S. 26-28; "Bairisch gredt", Teil 1) bot die erwünschte Abwechslung vom arbeitsreichen Alltag", wie der Gmunder Heimatforscher Benno Eisenburg betont. Ein Grund für Grobheiten und Handgreiflichkeiten fand sich immer: Da genügte es bisweilen, aus dem "falschen", sprich benachbarten Dorf zu stammen, um ausgegrenzt und abgewertet zu werden. Vorurteile pflegt der Bayer auch heute noch -doch das unterscheidet ihn nicht von anderen Völkern auf dieser Welt.

Tiefsitzende, vorgefasste Meinungen, die nach wissenschaftlicher Erkenntnis oder vernünftiger Überlegung unzutreffend sind und trotzdem aufrecht erhalten werden, finden sich im Freistaat häufig. So erhielten einst ganze Dorfgemeinschaften pauschal einen auf Vorurteilen basierenden Spitznamen, der immer wieder Anlass für neue Handgemenge war. Eisenburg erinnert sich, dass die Tegernseer von den Gmundern noch bis vor 30 oder 40 Jahren als "langhaarig" geneckt wurden -mehr oder weniger handfest. Gab es zu dieser Zeit keinen gscheidn Bader (bairisch: Frisör) oder war er zu teuer? Nicht selten fußt das Klischee aber auch auf alten Erfahrungen: Auf Genrebildern vom Ende des vorletzten Jahrhunderts blitzt bei einigen "Mandern" tatsächlich längeres Haar unter den Hüten hervor.

Erstaunliche Resistenz

Ja, immer schon trugen Vorurteile zur Abgrenzung einer Gruppe der anderen gegenüber bei, was jeweils zu deren besserem Zusammenhalt führte. Wie Vorurteile und Gedächtnis miteinander verknüpft sind, hat die Wiener Wissenschaftlerin Aleida Assmann untersucht: "Die Rahmen, in denen Erinnerungen aufgerufen und gebildet werden, haben viel mit Vorurteilen zu tun. Sie bestimmen darüber, was als Erinnerung festgehalten und was ausgegrenzt wird." Ihren Erkenntnissen nach existieren Vorurteile in einem Zwischenraum zwischen Vergessen und Erinnern und sind nicht wirklich bewusst, aber immer wieder aktivierbar. Und haben eine erstaunliche Resistenz und Dauer.

Landvolk mit strengem Geruch

Gerne werden Vorverurteilungen von Generation zu Generation weiter gereicht. Gründe lieferte häufig schon die allernächste Umgebung: Denn wer verbirgt sich wohl hinter den "Miadakina Wassaschnaawe" und den "Gedinger Grebf"? Übersetzt sind das "Mietrachinger Wasserschnäbel" und "Göttinger Kröpfe". Einfache Erklärung: Das Gebiet um Mietraching war feucht und die Göttinger besaßen angeblich dicke Hälse, sprich Kröpfe.

"Wenn sie bei einem Tanzfest angestochen waren, haben sich Bewohner beider Orte bis in die 1950er Jahre gelegentlich zum Austausch von Watschn verabredet", erinnert sich die 80-jährige Centa Höß, Seniorchefin der "LandWirtschaft Höß" in Litzldorf. Entwarnung: Längst ist Mietraching trocken gelegt und die Göttinger haben durchaus magere Hälse.

Heimatforscher Professor Eduard Stemplinger geht ebenfalls dem Phänomen von Vorurteilen nach und liefert in dem Aufsatz "Ortsneckereien" Beispiele für regionaltypische Frotzeleien. So verspotteten die Leitzachtaler die Feilnbacher als "Moosdabbara". Naheliegend: Die Gegend um Feilnbach herum ist bemoost.

Ebenso gerne werden konkrete Anlässe aufgegriffen und jahrzehntelang als (negative) Spitznamen konserviert: So hänselten die Bewohner der Nachbarorte die Priener als "Duttenfeiler". Vor der Enthüllung eines Denkmals nämlich, es zeigte einen Engel mit zu üppig geratener Brust, gab der Kaplan aus Prien einem Schlosser den heimlichen Auftrag, das optische "Ärgernis" mit der Feile zu glätten. Der Schlosser wurde ertappt und fortan mussten die Priener gemeinsam den Spott ertragen.

Und wer waren die "Maikäfer"? Die Donauwörther! Die lästigen Tierchen waren über die Stadt hereingebrochen. Deshalb beauftragte man die Schuljugend, sie einzusammeln. Als die Käfer aber auf einem Holzstoß verbrannt werden sollten, flogen sie alle geschwind davon . . .

Die Münchner pflegen seit jeher ihre Vorurteile dem Land gegenüber. So weiß Armin Höfer, Herausgeber der Bücher "Bairisch gredt" seines Vaters Professor Johann Höfer (1925-1999), dass die bäuerliche Verwandtschaft von der bürgerlichen Familie seiner Mutter lange Zeit ironisch- liebevoll als "Oderln" bezeichnet wurde. Man ahnt es: "Oderln" stammt von Odel, und der duftet streng . . .

Dialekt schafft regionale Identität

Doch neben lokaler Zugehörigkeit basieren Vorurteile auch auf von den Ortsgemeinschaften über Jahrhunderte hinweg entwickelten Dialekten, die sie mehr oder weniger deutlich von Nachbarorten abgrenzen. Hier werden Einigkeit und Identität durch eine gemeinsame Sprache geschaffen. "Eine dieser natürlichen Sprachgrenzen bildet der Inn", weiß Armin Höfer: Wer "viel Gefühl" meint, spricht links des Inns in der Ortschaft Rott von "vui Gfui", rechts des Inns hingegen "vej Gfej".

Doch mittlerweile liefern derartige Verschiedenheiten keine Anlässe mehr für Rangeleien. Warum? "Noch bis vor drei oder vier Jahrzehnten konnten sich Dialekte und spezifische Wortwahl aufgrund fehlender Verkehrsmittel ungestört erhalten", meint Armin Höfer. In der heutigen Medienwelt habe das süddeutsche Idiom kaum mehr Chancen, glaubt Ludwig Zehetner, Professor für Bairische Dialektologie. Auch spielt die Zeit eine entscheidende Rolle.

Nach Ansicht von Aleida Assmann umfasst das "kommunikative Gedächtnis" als das sogenannte Kurzzeit-Gedächtnis der Gesellschaft 80 bis 100 Jahre. Es ist der Zeitraum dreier Generationen, die eine Erzähl- und Erinnerungsgemeinschaft bilden -sofern die Familie nicht durch Aus- und Umzüge getrennt wurde. Ein Fallbeispiel aus dem Tegernseer Tal liefert Benno Eisenburg: "Nach einem Bittgang um etwa 1910 sind die Burschen aus Gmund auf die Kollegen aus Wall gestoßen. Mit dem Ergebnis, dass einem Waller das Ohr abgeschlagen wurde". Seit dieser Zeit existiert im Tegernseer Tal die "Geschichte von den sieben Wallern mit den 13 Ohrwascheln". Allerdings nicht mehr lange: "Mittlerweile wissen nur mehr die älteren Bewohner von diesem Ereignis", erläutert Eisenburg.

Doch Vorurteile haben nicht nur Schattenseiten: "Wir brauchen sie, weil sie der eigenen Entlastung dienen, in dem sie die Welt vereinfachen", erklärt Professor Aleida Assmann. Außerdem würden sie bei der Orientierung und einer Selbstpositionierung in der Welt helfen.

Nicht zuletzt deshalb sollten alle "Zuagroasdn" und Bayern-Urlauber Milde walten lassen, wenn ein Einheimischer wieder einmal lautstark über die "Saupreisn" grantelt . . .

Bücher

1. Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern. Von Ludwig Zehetner. edition vulpes, Regensburg, ISBN 3- 9807028-7-1, 29 Euro.

2. Bairisch gredt. Teil I (ISBN 3-00-000284-7 zu 12,90 Euro) und II (ISBN 3-00-008774 -5 zu 9,95 Euro). Über Buchhandel oder Fax: 089 / 295 962. Teil III erscheint im Oktober.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Neu auf dem Markt: Frische Smartphones und HD-Audio
Musik-Streamingdienst Deezer lockt mit Musik kostenlos in Hifi-Qualität. Das gilt für Nutzer, die die neue Desktop-App herunterladen. Neu in den Regalen liegen zudem die …
Neu auf dem Markt: Frische Smartphones und HD-Audio
Amazons Alexa: Einkaufen per Sprache von Anfang an aktiviert
Sprachassistenten wie Alexa sollen Nutzern Arbeit abnehmen - auch beim Bestellen von Produkten. Mancher fürchtet aber, dass dann ein unbedachter Satz gleich eine …
Amazons Alexa: Einkaufen per Sprache von Anfang an aktiviert
Streamingdienste bieten mehr als Musikplayer-Apps
Die CD-Sammlung verstaubt mittlerweile bei vielen im Regal. Die Musik ist digitalisiert und wird mit einem Player an Rechner oder Smartphone abgespielt - wenn denn …
Streamingdienste bieten mehr als Musikplayer-Apps
Private Nachrichten von anderen nicht veröffentlichen
Eine persönliche Nachricht sollte vor allem eins sein: privat und damit nicht für alle zugänglich. Wer dies nicht beachtet und Mitteilungen veröffentlicht, dem drohen …
Private Nachrichten von anderen nicht veröffentlichen

Kommentare