Die grüne Invasion

- Bewaffnet mit Schaufel und Hacke ziehen sie ins Feld. Gegen die unerwünschten Eindringlinge aus dem Kaukasus. Doch die Zuwanderer sind kampfbereit. Mit ihrem giftigen Saft wehren sie sich gegen die Attacken. Vergeblich. Geschützt mit Handschuhen und in langen Hosen zwingen die Naturschützer die mannshohen Stauden des Riesenbärenklaus in die Knie. Diesmal haben die Öko-Aktivisten die Schlacht gewonnen.

Doch den Krieg gegen die eingewanderten Pflanzen haben sie längst verloren. Als Rarität für Parkanlagen und Botanische Gärten oder als Samenkorn, das unbeabsichtigt in einer Transportkiste gelandet ist - mit dem Handel zwischen Europa und Amerika erblühten auch exotische Pflanzen in der Alten Welt.

Wissenschaftler bezeichnen alle nach der Entdeckung Amerikas eingewanderten Pflanzen als Neophyten. Einige unter ihnen haben in Deutschland so gute Bedingungen gefunden, dass sie sich rasant vermehrt haben. Einheimische Arten mussten der Konkurrenz aus dem Ausland weichen. Manche Naturschützer befürchten eine ökologische Katastrophe.

Doch nur wenige grüne Einwanderer vermehren sich so stark, dass sie zum Problemfall werden. Pflanzen, die früher als Unkräuter galten, werden heute als "Wildkräuter" geschätzt und geschützt. Der Zeitgeist bestimmt, wie die Einwanderer beurteilt werden. "Maximal fünf invasive Arten gibt es heute in Deutschland", erklärt Professor Josef Reichholf von der Zoologischen Staatssammlung München.

Eine davon ist Heracleum mantegazzianum, der Riesenbärenklau. Hat die Pflanze an einer Stelle erfolgreich Wurzeln geschlagen, muss sich der Spaziergänger bald durch einen Wald aus meterhohen Stauden kämpfen. Riesige gefiederte Blätter recken sich ihm entgegen, dazwischen tellerförmige Dolden mit kleinen, weißen Blüten.

Zu nahe sollte man den Pflanzen nicht kommen. Denn der Saft enthält Furanocumarine, die allergische Hautreaktionen auslösen können. Wer nach dem Kontakt ein Sonnenbad nimmt, riskiert Verbrennungen. Im schlimmsten Fall bleiben hässliche Narben zurück. Noch vor 50 Jahren freuten sich Imker über die Stauden als Bienenfutter - und halfen nicht selten bei ihrer Verbreitung. Heute rücken in vielen Gemeinden Arbeiter den gefährlichen Fremden auf den Leib. Der Biologe Reichholf setzt auf gesunden Menschenverstand: "Man sollte eben nicht mit den Pflanzen schmusen."

Ungefährlich ist dagegen Impatiens glandulifera, das Drüsige Springkraut. Bienen und Hummeln lieben den süßen Nektar der Pflanze aus Indien. Gartenbesitzer schätzen die pinkfarbenen Blüten. Doch das Springkraut ist nur einer von vielen grünen Migranten: Zu Felde ziehen Naturschützer immer wieder gegen die Goldrute. Sie raube Einheimischen ihre angestammten Wuchsorte, lautet die Anklage.

Den Kampf angesagt haben sie auch Ambrosia, dem Aufrechten Traubenkraut. Denn der Zuwanderer aus Nordamerika löst gefährliche Allergien aus. Die Lupine, die ihre violetten Kerzen inzwischen auch außerhalb der Gärten in die Höhe reckt, erregt dagegen wenig Antipathien.

Auch gibt es Ausländer, die längst als deutsche Staatsbürger durchgehen würden. Zum Beispiel das viel bedichtete Veilchen, das einst nur jenseits der Alpen blühte. Auch die gelb blühende Nachtkerze und der Persische Ehrenpreis fühlen sich hierzulande längst heimisch. Und wer möchte im Biergarten auf den Schatten der Kastanien verzichten, obwohl sie vom Balkan stammen?

Erklärungsversuche für die starke Ausbreitung zugewanderter Pflanzen gibt es viele. Der Klimawandel würde es Neophyten aus wärmeren Gebieten besonders leicht machen, sich anzusiedeln. "Totaler Quatsch", meint Reichholf. "Die Klimaerwärmung findet in den Polarregionen statt. In Mitteleuropa gibt es keine nennenswerten Veränderungen." Im Gegenteil: Gerade die wärmeliebenden Pflanzen würden seltener. Denn im Schatten großer, krautiger Pflanzen ist es deutlich kühler. Früher wurde jeder Halm am Wald- und Wegesrand von Kühen und Ziegen abgegrast. Doch was das Mähwerk des Traktors nicht erreicht, bleibt heute stehen. "Das Land wächst zu", warnt Reichholf.

Die Überdüngung lässt einige Neophyten gedeihen

Was am Feldrain ungenutzt zurückbleibt, lässt sich mit Dünger hundertfach ausgleichen. In Reichholfs Augen die Hauptursache für die Ausbreitung invasiver Neophyten. Durch das Überangebot an Nährstoffen profitieren einige wenige Arten, die schnell hoch aufwachsen können. Spezies mit längerer Vegetationszeit werden verdrängt. Die Vielfalt schrumpft.

Unter den Gewinnern sind nicht nur zugewanderte Pflanzen. Massenhaft vermehrt sich auch der einheimische Löwenzahn auf der gut gedüngten Wiese. Glockenblumen und viele andere Arten verschwinden. "Nicht die Neophyten an sich, alle Pflanzen, die sich so massiv vermehren, sind ein Problem", meint der Biologe.

Manchmal ist es ausgerechnet der Umweltschutz, der zur Massenvermehrung beiträgt. Im Glauben, einen Ausgleich für den Eingriff in die Natur bieten zu müssen, wird heute jeder Erdwall am Straßenrand begrünt. Der Rindenmulch nimmt den Stickstoff aus den Autoabgasen auf. Beste Lebensbedingungen für invasive Neophyten und heimische Brennnesseln.

Arbeitstrupps sollen den üppigen Pflanzenwuchs wieder entfernen. Doch selten sind die Bekämpfungsaktionen erfolgreich. "Wir wollen die Natur so erhalten, wie wir meinen, dass sie sein sollte", sagt Reichholf. Doch einen Urzustand gibt es nicht.

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