Albert Gonzalez

Urteil in USA gegen Albert Gonzalez erwartet

Hackerkönig an der Kette

Wenn die US-Bundesrichter in Boston an diesem Wochenende gnädig sind, kommt Albert Gonzalez mit 17 Jahren Gefängnis davon. Es können auch 25 werden. Und das wäre dann die bislang höchste Haftstrafe für einen Computerhacker in der US-Geschichte.

So oder so: Tausende Banker, Manager großer Handelsketten und IT-Sicherheitsexperten nicht nur in den USA hoffen sehnlichst, dass der 28-Jährige möglichst lange nicht an Computer und Internetzugang kommt. Gonzalez hat sie alle blamiert: Mit Raubzügen im Netz haben er und zwei Hacker-Kollegen aus Osteuropa laut Anklage 170 Millionen Datensätze von Kredit- und anderen Zahlungskarten gestohlen - Weltrekord auch das. Die Beute soll auf Rechnern in der Ukraine gestapelt sein. Solche Daten werden in 1000er-Paketen gehandelt. Auf Kartenrohlinge kopiert, öffnen sie weltweit an Geldautomaten die Konten fremder Leute.

Schadprogramme im Test

Seine größten Fang hatte der Hackerkönig akribisch vorbereitet. Selbst entwickelte Schadprogramme, die die Finanznetze großer Handels- und Restaurantketten anzapfen sollten, ließen Gonzalez und seine Bande laut Anklage wie im Trainingslager gegen alle mögliche Abwehrsoftware antreten. Beuteträchtige Opfer suchten die Angreifer aus Bestenlisten der umsatzstärksten US-Firmen, Löcher in deren Computernetzen bei Spazierfahrten durch Miami.

Ein Laptop auf dem Beifahrersitz spürte ungeschützte WLAN-Verbindungen zwischen Ladenkassen und Firmenservern auf. Über solche „Funklöcher“ schmuggelten die Hacker so genannte „Sniffer“-Programme. Mit deren Hilfe kontrollierten sie wie in einem offenen Buch, aber von ferne alle Kartenzahlungen.

Bei großen Ketten wie BJ’s, OfficeMax, Barnes & Noble und anderen Händlern unter dem Dach des TJX-Konzerns ging das so über Jahre. Der Coup kostete die lange ahnungslosen TJX-Manager mehr als 40 Millionen KartenDatensätze genauso ahnungsloser Kunden. Das übertraf die Bande dann noch bei Heartland, einem großen US-Kartenzahlungsdienstleister, der Geldflüsse zwischen Kunden, Geschäften und Kartenausgebern wie Visa oder Mastercard abwickelt: Dort verschwanden 130 Millionen Datensätze.

Ein Sicherheits-GAU für die Geldbranche, der Datenschützer sprachlos machte und von Heartland erst Anfang 2009 aufgedeckt wurde. Da saß Gonzalez wegen der TJX-Sache längst in U-Haft. Der Hackerkönig (Motto: „Reich werden oder beim Versuch sterben“) an der Kette: Im Mai 2008 wurde er in seiner Heimatstadt geschnappt. Ein bisschen reich war er da: 2,7 Mio. Dollar in bar, ein blauer BMW 330i, eine Eigentumswohnung, eine Pistole, drei Rolex-Uhren und Computer führt die Liste sichergestellter Gegenstände. Laut Anklage wurden kleine Datenpakete aus der Riesenbeute an Drittganoven verkauft oder auf gefälschten Karten direkt zu Geld gemacht.

Verschwörung, Computerbetrug, Datendiebstahl, drei von knapp zwei Dutzend Anklagepunkten - Gonzalez ist längst geständig. Das gehört zur Strategie seiner Verteidiger, die eine möglichst milde Haftstrafe aushandeln wollten. Auch mit dem Hinweis, dass Hedgefonds-Manager ungestraft ganz andere Summen „verbrannt“ hätten. Und dass die U-Haft Gonzalez von seinen Süchten befreit habe. Von Drogen und Alkohol. Und vom Computer.

Folgeschäden im Hintergrund

Wenn Banken plötzlich massenhaft Zahlungskarten austauschen, darf man im Hintergrund Akteure wie Albert Gonzalez vermuten. So wie im Herbst 2009 - am angeblichen Datenloch in Spanien wird laut BKA noch ermittelt. Kartenkunden werden von Schäden aus kriminellen Attacken freigestellt - sonst würde schnell wieder bar bezahlt.

Hinter den Kulissen werden aber riesige Summen bewegt: TJX legte eine Kunden-Sammelklage außergerichtlich bei - über Kreditversicherungen für Schäden bis zu 20 000 Dollar, Einkaufsgutscheine und Extrarabatte. Folgeschäden des Hackerangriffs für TJX wurden auf bis zu eine Milliarde Dollar geschätzt.

Heartland hat sich mit Mastercard, American Express und jüngst auch mit Visa geeinigt - auf Zahlungen von bis zu 66 Mio. Dollar für Kartenkunden-Verluste aus den Gonzalez-Attacken.

Zur Person: "Computer war sein bester Freund"

Albert Gonzalez (28, Foto), Sohn kubanischer Einwanderer, wuchs in einem Arbeitervorort von Miami auf. „Sein bester Freund“, so Anwalt Rene Palomino, „war sein Computer.“ Der machte ihn erst süchtig und dann zum Genie mit gefährlichen Neigungen: 1998 besuchten Polizei und FBI seine Highschool - Gonzalez war gerade 17.

Der Computer-Freak stand unter Verdacht, von einem Schulrechner aus Server der indischen Regierung gehackt zu haben. Die Sache verlief im Sand.

Später Jobs bei IT-Firmen, auch mal bei Siemens - dann bekam Gonzalez laut Verteidiger zur „Computer-Besessenheit“ auch noch Alkohol- und Drogenprobleme. Ganz zu schweigen von Kontakten in immer dubiosere Hackerkreise. 2003 wurde Gonzalez erstmals wegen Attacken auf fremde Datennetze verhaftet. Zur Anklage kam es damals nicht - dafür nutzten US-Geheimdienstler Gonzalez als Quelle zum Kampf gegen Hacker.

Eine Therapie, so Palomino, wäre hilfreicher gewesen. Parallel zur „Beratungstätigkeit“ beim Geheimdienst bereitete der Hacker den neuen Coup vor. Die Urteilsverkündung im Dezember 2009 setzte das Bostoner Gericht aus: um zu prüfen, ob Gonzalez vielleicht am Asperger-Syndrom leidet, einer Form von Autismus.

Von Wolfgang Riek

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