Die Hände verraten die Designerin

- Fast 100 000 Studierende strömen jeden Tag - außer in den Semesterferien - in die Hörsäle, Übungsräume und Labors der Hochschulen im Großraum München. Wir haben einigen Studentinnen und Studenten an einem Tag über die Schulter geschaut, um ihren Studienweg und den Arbeitsplatz aus ihrer ganz persönlichen Perspektive mitzuerleben. Einen beschaulichen Anblick bietet der backsteinrote Altbau, an der Infanteriestraße, in dem der Fachbereich Industriedesign der Fachhochschule München sein Domizil hat.

<P>HIER STUDIERE ICH<BR>Heute: Lena Kliewer (25), Industriedesign- Studentin. </P><P>Doch in dem luftigen und hellen Gebäude geht es so unruhig zu wie in einem Taubenschlag. Die Abschlussarbeiten zum Semesterende müssen fertig werden, und alle Arbeitsräume inklusive der drei Werkstätten sind mit fleißigen Studenten gefüllt: Da werden anhand erster Zeichnungen futuristische Fahrzeuge so lebensecht mit schwarzem und grauem Tape- Band auf Papier gebannt, dass der Betrachter gleich eine Probefahrt machen möchte. Andere drehen Gipsmaterial zu funktionellem Geschirr auf der Töpferscheibe. Auch Lena, die im vierten Semester studiert, verleiht ihrem Laptop-Modell aus Grauschaum per Bohrer den letzten Schliff. Der Fotograf einer bekannten Computerfirma wartet im Nebenraum auf sie, um neben anderen auch ihr Modell im Bild festzuhalten. </P><P>200 Kandidaten für 30 Plätze </P><P>Klein und zierlich wirkt Lena auf den ersten Blick, doch ihre tatkräftigen, von der handwerklichen Arbeit beanspruchten Hände verraten eine energiegeladene angehende Industriedesignerin. Vor dem Studium hat Lena eine Lehre zur Modellbauerin abgeschlossen. "Die praktische Erfahrung war wohl mit ein Grund, warum ich gleich mit der ersten Bewerbung in München den erhofften Studienplatz bekommen habe.</P><P> Die Plätze sind heiß begehrt", erklärt sie. Dieses Jahr haben sich 200 Kandidaten um etwa 30 Plätze beworben. Feine blaue Raspel auf dem Parkett im Flur deuten noch auf die 80 hin, die gestern zum Auswahlverfahren da waren und aus Schaum kleine blaue Modelle schnitzen mussten. "Was einen hier erwartet? Eine familiäre Atmosphäre, da wir insgesamt nur 120 Studenten sind. Selbst die Professoren kennen jeden von uns mit Namen", sagt Lena. Und außerdem? "Viel Arbeit, die volles Engagement erfordert", sagt Lena. Sie muss es wissen, hat sie sich doch für dieses Semester statt des einen geforderten praktischen Projekts gleich drei aufgehalst. </P><P>Die Auswahl sei einfach so gut gewesen, sagt sie, dass sie, wie viele Studienkollegen, nicht habe widerstehen können und nun eben einfach mehr arbeite. "Im Moment bekomme ich maximal drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht. Dafür werden die Projekte dann aber auch so perfekt wie möglich, und das ist mir wichtig", sagt Lena selbstbewusst. "Meine Freunde beschweren sich schon manchmal, wenn ich nur selten Zeit habe." Doch das Hochgefühl, aus einer Idee mit Stift, Computer und Handarbeit ein selbst entworfenes Modell zu fertigen, entschädige einen für alle Mühe, erklärt sie, und dabei glänzen ihre Augen. </P><P>Noch wohnt Lena mit ihrem Freund in Freising und pendelt täglich mit dem Auto an die FH nach München. "Die Fahrerei kostet allerdings unglaublich viel Zeit und Nerven, sodass ich mir gerade ein Zimmer in München suche." Wenn man sich gemeinsam beim Hin- und Herfahren abwechsele, sei die Entfernung ja zu verkraften, meint sie. Die durch den Umzug eingesparte Zeit kann sie dann auch für ihre Tätigkeit als gewählte Studentenvertreterin brauchen. Als diplomierte Industriedesignerin will Lena später Elektro-Werkzeuge entwickeln und gestalten. Zu diesem eher ungewöhnlichen Berufsziel meint sie verschmitzt: "Im täglichen Gebrauch sind viele Werkzeuge einfach unpraktisch, obwohl man sie braucht. So sind für mich, mit meinen kleinen Händen, die Bedienungknöpfe oft nur schlecht zu erreichen. Das muss nicht sein."</P>

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