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Die Deutschen und ihr Smartphone: Der Digitalverband Bitkom hat eine große Umfrage durchgeführt. 

Als Alltagsgegenstand nicht mehr wegzudenken

Handys mit Suchtfaktor: So abhängig sind wir von Smartphones

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München – Handys haben sich in unserem Leben breit gemacht. Das ist oft praktisch, manchmal nervig – und auch gefährlich. Das zeigt nicht nur das Zugunglück von Bad Aibling.

Die Menschen in Japan duschen ungern alleine. Keine Sorge, schlüpfrig wird’s jetzt nicht. Viele Japaner wollen in der Dusche einfach nicht auf ihr Handy verzichten, nicht einmal dort. 90 Prozent der Smartphones, die in dem Land verkauft werden, sind wasserdicht. Und auch die Deutschen haben ihre Suchten: Mehr als jeder Dritte schaut in den ersten 15 Minuten nach dem Aufwachen auf sein Handy, und vor dem Schlafengehen geht bei vielen der letzte Blick – aufs Display. Handys, diese kleinen Welterklärer, Alleinunterhalter, SMS-Schleudern: Sie sind überall in unserem Leben.

Das ist praktisch, wenn man den Weg zu einem neuen Restaurant nachschauen will. Oder nervig, wenn das Rendezvous dann lieber aufs Handy glotzt als seinem Gegenüber in die Augen. Und das dauernde Tippen und Daddeln kann auch gefährlich sein. Das Zugunglück in Bad Aibling mit zwölf Toten und 85 Verletzten passierte, weil der Fahrdienstleiter mit seinem Handy spielte. Ein extremer Fall. Aber er zeigt, wie sehr uns Handys ablenken.

61 Prozent der Deutschen können sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen. Im Schnitt greift ein Smartphone-Besitzer tagsüber alle zwölf Minuten zum Gerät. Das erforscht die Universität Bonn mit der kostenlosen App „Menthal“. Jeder kann damit überprüfen, wie und wie lange er sein Handy nutzt. Quasi die Waage für eine Smartphone-Diät. Jeder vierte Student nutzt sein Smartphone demnach 80 Mal am Tag und mehr als zwei volle Stunden. Viele Teenager dürften weit drüber liegen. Ist das noch normal?

Das Handy ersetzt vieles

Die Deutschen und ihr Smartphone: Der Digitalverband Bitkom hat eine große Umfrage durchgeführt. 

Eine Handysucht gibt es zumindest im medizinischen Sinn nicht, deshalb zahlt die Krankenkasse auch keine Therapie. „Wir sprechen von exzessiver Handynutzung“, erklärt Verena Weigand von der „Stiftung Medienpädagogik in Bayern“. Ob jemand ein Problem mit seinem Handy hat, ist schwer zu beurteilen: „An der Zahl der Zugriffe lässt sich das nicht so leicht festmachen“, sagt Weigand. „Denn viele nutzen ihr Smartphone auch beruflich.“ Exzessive Handynutzung fange an, wenn jemand andere Freizeitaktivitäten dafür einschränkt. Wenn soziale Kontakte leiden, also die echten, realen Beziehungen. Die Expertin empfiehlt den Selbsttest: „Einfach mal einen oder mehrere Tage aufs Smartphone verzichten.“ Aggression, Unruhe, Nervosität oder ein Scheitern des Versuchs – daran erkennt man, dass der Gebrauch nicht mehr ganz unter Kontrolle ist.

Das Handy ersetzt vieles: Wecker, Navi, Terminplaner, Musik, Zeitung, Buch, Flirt, vor allem Unterhaltung. 75 Jahre hat es gedauert, bis das Telefon 50 Millionen Nutzer erreicht hat. Beim Handyspiel „Angry Birds in Space“ waren es nur 35 Tage. „Angry Birds“, „Candy Crush Saga“ oder „Cut the Rope“ locken einen ständig ans Display. „Sie verkürzen die Wartezeit und sind extra so angelegt, dass man die Zeit vergisst“, sagt Verena Weigand. Und man braucht kein zusätzliches Gerät wie eine Playstation. „Ich kann es schnell aufrufen, bin schnell drin und habe kurze Sequenzen. Da ist eine Stunde ruckzuck rum.“ Und weil man jederzeit wieder einsteigen kann, wird das Handyspiel sogar in kurzen Pausen zum Zeitvertreib. Langeweile? Fehlanzeige.

"Wir können die Entwicklung nicht zurückdrehen"

Die größte Sorge: ein leerer Akku. Das hat sogar einen Namen: Nomophobie. Eine Abkürzung für „No-Mobile-Phone-Phobia“. Noch ein neues Wort: „Smombie“. Das ist jemand, der durch das Smartphone so stark abgelenkt ist, dass er seine Umgebung kaum noch wahrnimmt.

Fatal für den Straßenverkehr. Laut ADAC passiert jeder zehnte Unfall wegen Handy-Nutzung am Steuer. Auch Fußgänger sind abgelenkt. In China gibt es schon geteilte Bürgersteige: Eine Spur für Smartphone-Nutzer, die andere für normale Fußgänger.

Irrsinn? „Wir können die Entwicklung nicht zurückdrehen“, sagt Expertin Verena Weigand, „sondern müssen damit zurechtkommen.“ Die Smartphones eroberten die Erde so rasend schnell, dass sich parallel keine Regeln entwickelten. „Das müssen wir nachholen“, so die Erziehungswissenschaftlerin.

Dauerndes Gedaddel wirkt sich auf Hirn und Körper aus

Mit der Erfindung des normalen Telefons musste man auch erst zurechtkommen. Lernen, dass man nicht „Hallo, hallo“ reinbrüllt, sondern seinen Namen sagt – und aus Höflichkeit zu bestimmten Zeiten gar nicht anruft. Dass man sein Gegenüber nicht ignoriert, um auf dem Handy rumzuwischen, sollte selbstverständlich sein – ist es aber nicht. Ein neues Spiel nimmt das auf die Schippe: Beim Essen mit Freunden werden alle Smartphones mit dem Display nach unten auf dem Tisch gestapelt. Wer zuerst zugreift, zahlt eine Runde.

Das ist Gaudi. Tatsächlich wirkt sich das dauernde Gedaddel auch auf Gehirn und Körper aus. Wer viel Zeit mit seinem Handy verbringt, bewegt sich weniger – und sitzt noch dazu krumm da. Und die Konzentrationsspanne verkürzt sich mit jedem Smartphone-Check: „Aufgaben werden schlechter gelöst, wenn man ständig unterbricht“, sagt Verena Weigand. Wie ein Projekt am Gymnasium Viechtach zeigt (wir berichteten), schreiben Schüler, die auf ihr Handy verzichten, deutlich bessere Noten. Weigand gibt den Tipp, sich im Alltag nicht nur auf sein Handy zu verlassen. Einfach mal wieder den altmodischen Wecker stellen. Oder eine Armbanduhr tragen. Und: „Muss man gezielt eine Stunde konzentriert arbeiten, packt man das ausgeschaltete Handy am besten in die Tasche, und die Tasche in den Schrank.“

Für solche Handy-Auszeiten, wie sollte es anders sein, gibt es übrigens eigene Apps.

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