Hautnah an der Europapolitik

- Hausnummer 18 am Boulevard Clovis in Brüssel ist ein vornehmes Klinkerhaus. Im holzgetäfelten Saal im ersten Stock knarrt der dunkle Dielenboden, die Wände schmücken goldgerahmte Ölgemälde, auf dem Kaminsims thront ein weißer Porzellanlöwe. Im Erker stehen drei Fahnen nebeneinander: die deutsche, die europäische und die bayerische.

<P> <BR><BR><BR> Das repräsentable Gebäude der Vertretung des Freistaates Bayern bei der Europäischen Union in Brüssel, nur knapp zehn Gehminuten vom Europäischen Parlament und der Kommission entfernt, ist derzeit der neue Arbeitsplatz der Münchnerinnen Christine Röhl und Anna Singbartl. Als sogenannte Stagières absolvieren die beiden 23-Jährigen ein zweimonatiges Praktikum. <BR><BR>Die Bayerische Vertretung ist eine von 15 deutschen Landesvertretungen, die in der Europa-Hauptstadt präsent sind, vier- bis fünftausend Besucher werden jährlich hier in Nummer 18 empfangen. Christine Röhl macht einen Bachelor-Studiengang in Forstwissenschaft an der TU-München, die gebürtige Münchnerin Anna Singbartl studiert im siebten Semester Betriebswirtschaftslehre an der Uni Augsburg. </P><P>Die meisten Bewerber bei der Bayerischen Vertretung seien Politologen oder Juristen, "aber es können sich hier Studenten aller Fachrichtungen bewerben", sagen Singbartl und Röhl, "wir haben es ja auch geschafft". Beide sind in der Vertretung unterschiedlichen Referaten zugeordnet; so assistiert Christine Röhl dem Referat C II 6 für Angelegenheiten des Bayerischen Staatsministeriums für Landwirtschaft und Forsten unter der Leitung von Walter Schmitt. <BR><BR>Themen von Europawahl bis Osterweiterung<BR> <BR>Singbartl arbeitet für Friedrich von Heusinger, den stellvertretenden Leiter der Bayerischen Vertretung und zuständig für Verbindungen zum Parlament und zum Ausschuss der Regionen. "Mein Aufgabenfeld ist ziemlich breit - hauptsächlich geht es derzeit um die EU-Erweiterung, die Europawahlen und die neue Kandidatenländer wie die Türkei oder Rumänien", erklärt die BWLerin. Dahinter steckt viel Recherchearbeit, zum Beispiel über die neuen Kommissare, und das Zusammenfassen von Sitzungen im Europäischen Parlament. "Dort geht es gar nicht so ,Anzug-steif" zu, wie man sich das vielleicht vorstellt", lacht sie, "das Arbeitsklima in Brüssel ist wirklich sehr unverkrampft".<BR><BR>"Man lernt hier jede Menge interessanter Leute kennen, spürt hautnah, wie Europa-Politik gemacht wird", sagt Röhl begeistert. Es sei immer wieder erstaunlich, wie viel, gerade in der Landwirtschaft, von der Europäischen Union entschieden werde. Der Arbeitstag der beiden Praktikantinnen dauert eigentlich von 9 bis 18 Uhr, "doch meist stehen dann noch Empfänge in verschiedenen Vertretungen und Botschaften auf dem Programm", erzählt Anna Singbartl und lächelt, "langweilig wird es einem nie".<BR><BR>Am Wochenende streifen die zwei Münchnerinnen durch die Altstadt von Brüssel, zum Sight-Seeing und Shoppen - auch wenn sie dabei auf ihren Geldbeutel achten müssen, denn ihr Praktikum ist unbezahlt und die belgische Metropole ein teures Pflaster. Doch es gibt auch Entdeckungen, die keinen Cent kosten: "In dieser Stadt sind Menschen aus so vielen Nationen zusammengewürfelt, das ist echt beeindruckend", sagt Singbartl.<BR></P>

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