Hegel am Ende der Welt

- Auf dem riesigen Campus-Gelände wachsen Palmen. In den Gängen singen die Musikstudenten, auf der Wiese malen die Künstler - und die Schauspieler rezitieren ihre Texte überall. "Komisch", fand das Zita Scherkamp anfangs, "aber erfrischend."

Als die Münchner Studentin nach Chile kam, hielten sie die Einheimischen zunächst für ein Model. Denn Zita Scherkamp überragte die Durchschnitts-Chilenin um mehr als fünfzehn Zentimeter. Die 22-Jährige wollte in Santiago jedoch nicht auf den Laufsteg, ihr ging es um Hegel und Kant.

Drei Professoren für sieben Studenten

Die Münchnerin wollte ein Semester Philosophie studieren, und zwar an der "International Academie of Philosophy" (IAP). "Eine der drei besten Unis in Südamerika", wie sie sagt.

Auf dem Campus liegt das Philosophie-Institut recht versteckt. "Es ist ziemlich klein und persönlich", erzählt Zita Scherkamp. "Aber der Unterricht ist intensiv und herausfordernd." Es gibt nur wenige Studenten - vergangenes Semester waren es sieben - und drei Professoren. Der Unterricht findet auf Deutsch und Spanisch, meistens jedoch auf Englisch statt. "Herrlich", schwärmt die Studentin. So herrlich, dass zwei Freundinnen dort geblieben sind.

An dieser Uni nämlich lerne man, selbstständig zu philosophieren. "Manchmal sollten explizit keine Philosophen zitiert werden, um wirklich ureigensten Gedanken Raum zu geben", erklärt sie. "Es ist einfach eine lebendige Art zu philosophieren." Der Schwerpunkt der Fakultät liege auf der Phänomenologie.

Aber nicht nur vom Studium schwärmt Zita Scherkamp. "Die Menschen sind so warmherzig, emotional und lebensfroh", sagt sie strahlend. Und die Natur sei "unschlagbar". Von Santiago aus kann man in einer Stunde sowohl am Strand als auch im Ski-Gebiet sein. "Im Norden die Wüste, im Süden Pinguine und dazwischen grüne Wälder", erzählt die Studentin. "Es ist ein Land der Extreme." Ein "Land, wo die Welt zu Ende ist". Das nämlich bedeutet "chilli" (Chile) in der Sprache der Aymara. Dies alles habe ihren Horizont in jeder Hinsicht erweitert, sagt Zita Scherkamp: Denkweise, Sprache, Kultur, Menschen. "Man setzt das Eigene nicht mehr so absolut. Es ist wahnsinnig bereichernd."

So sei es auch ganz normal, dass junge Leute sozial oder kirchlich engagiert seien. "Einmal wöchentlich sind wir in die Armenviertel gegangen, haben mit den Kindern gespielt, unterrichtet - je nachdem, welche Fähigkeiten wer hatte", berichtet sie. "Nach einem Erdbeben wurden sofort Helfer mobilisiert."

Einige ihrer Freunde haben an Weihnachten Obdachlose besucht. Das sei dort ganz selbstverständlich. "Es ist eine bereichernde Erfahrung", sagt sie. "Ich kann so ein Semester jedem empfehlen."

Gerade hat sie ihren Professor aus Chile, den Gründer der IAP Josef Seifert, zum Münchner Bahnhof gebracht. Seifert ist Schüler des Philosophen Dietrich von Hildebrand, Scherkamps Urgroßonkel, über den sie ihre Magisterarbeit schreiben will. In München, nicht in Chile. Denn so schön es dort auch ist: Es gibt in Europa jemanden, der lange auf ihre Rückkehr gewartet hat.

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