Heilung auf der Zugspitze?

- Bluthochdruck, hohe Blutzuckerwerte und Übergewicht sorgen als wahrhaft diabolische Trinität für das Risiko vieler Krankheiten und frühzeitigen Tod. Der Mediziner Dr. Benjamin Körner von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München nutzt das Schneefernerhaus auf dem Zugspitzplatt, um die Auswirkung der sauerstoffarmen Höhenluft auf die Atmung und den Kreislauf zu prüfen und die Einflüsse auf einen gestörten Stoffwechsel zu untersuchen - das so genannte Metabolische Syndrom (Symptome: Übergewicht, Bluthochdruck, hohe Blutfette, Typ 2-Diabetes). Körner suchte Probanden für eine Testwoche im Schneefernerhaus. Ich meldete mich, wurde zu Voruntersuchungen ins Klinikum der LMU geladen und als Proband aufgenommen.

<P>An einem Herbstsamstag sammelt Dr. Körner seine Probanden, mit Syndrom (beleibt) und ohne (schlank) zur Gegenkontrolle am Bahnhof Garmisch-Partenkirchen ein. Ausgerüstet mit Rucksack, Bergschuhen, Anorak fahren wir im Kleinbus zum Eibsee und in der Zahnradbahn hinauf aufs Zugspitzplatt. Hier empfängt uns zur Dekontamination ein heftiger Regenguss aus grauen Wolken. Nach kurzem Fußmarsch über Schotter erreichen wir die Kabinenbahn zum Schneefernerhaus. Immer noch wirkt der vielstöckige Bau in 2650 m Höhe am Hang unter dem Zugspitzgipfel in seiner Aluminiumhaut futuristisch. Einst Hotel, heute angefüllt mit Messinstrumenten des Bundesumweltamtes und des Deutschen Wetterdienstes. 22 solcher Messstellen liefern weltweit meteorologische Daten und solche über die Atmosphäre. Auch die LMU unterhält hier eine Forschungsstation.</P><P>Petrus scheint kühne Probanden zu lieben. Die ganze Woche lacht die Höhensonne über traumhaft schönem Alpenpanorama. Das Arbeitsprogramm wechselt täglich, doch wir sollen weiter unserere gewohnten Medikamente nehmen. Die erste Nacht schlafe ich schlecht. Voll verkabelt, mit Messpunkten und Sonden an Kopf, Hals und Oberkörper. Wie stellt sich der Organismus auf die extreme Höhe ein? Wasser kocht hier schon bei 75 Grad Celsius. Hinauf aufs ergonomische Fahrrad im Labor! Trampeln, bis der Schweiß ausbricht. Natürlich wird der Widerstand stufenweise gesteigert. Vorbild: Jan Ullrich an der Alpe dHuez. Der Puls zumindest erreicht Spitzenwerte.</P><P>Die Verpflegung ist gut. Die Doktoranden Alex Dietrich und Ralf Hartwig umkreisen uns bei Tag und Nacht, freundlich, hilfreich und allgegenwärtig, mal als Köche, als Wegbegleiter und Trainer in schwierigem Gelände, mit Gummihandschuhen als Laboranten. Sie schaffen aus dem Tal, was wir essen und trinken, messen neben Dr. Körner Puls, Blutdruck, Sauerstoffwerte, Herz- und Lungenfunktion. Sie machen EKG-Kontrollen. Nehmen Blutproben. Kümmern sich um das Wohlbefinden der Gruppe, decken den Tisch, stellen Kerzen darauf. Nur Blumen gibt es nicht. Schmetterlinge trägt der Wind herauf, und das Geräusch, wenn nach sonnigem Tag abends der Gletscher singt, rauscht und kollert. Morgens dann wieder gefrorene Stille.</P><P>In der Freizeit fahren wir auf die Zugspitzgipfel, den deutschen und den österreichischen, sehen vom Berner Oberland bis zur Marmolata, vom Ortler bis zum Säntis. Ich ringe beim Steigen um Atem, bewundernd sehe ich den Bergwanderern zu, die wie Ameisen neben uns die Geröll- und Felsbänder zum Gipfel erklimmen. Die Tage in alpiner Höhe strengen an, besonders die Ärzte, die neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch gute Gastgeber der Probanden sind. Wir fühlen uns beschenkt von einer großartigen Natur, der Aufmerksamkeit unserer Ärzte und schnell wachsenden Freundschaften untereinander. Zur Abfahrt regnet es wieder.</P>

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