Herzensergießungen eines Finanzfachmanns

- Den Grundton eines Lebens, nichts weniger verraten Lieblingsgedichte. Das glaubt zumindest die Germanistin Barbara Vinken, die den Rezitator des Abends ankündigt. Die Zuhörer dürfen also viel erwarten im kuscheligen Lyrik Kabinett. Denn heute soll der Grundton eines Menschen erklingen, den sie sonst nur aus respektvoller Ferne kennen: Bernd Huber, Finanzwissenschaftler und Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität, hatte sich erweichen lassen, in kleiner Runde zu lesen. In den Reihen sitzten rund 20 Hörer, Kollegen, Studenten, Universitätsfreunde - schweigend, gespannt.

Ist doch im Lebenslauf von Bernd Huber für Lyrik sonst wenig Platz. Um "Staatsverschuldung und Allokationseffizienz" kreiste sein Geist als junger Doktor. "Optimale Finanzpolitik und zeitliche Inkonsistenz" nahm ihn als angehenden Professor gefangen. Doch was bewegt sein Herz, wenn sich die Uni-Pforten hinter ihm schließen? Taucht die Seele des Volkswirts dann in die Verse düsterer Romantik? Jauchzt die Brust des Steuerfachmanns dann mit dem jungen Goethe?

Doch Barbara Vinken zerreißt solche Fantasie-Gespinste schon in ihrer charmanten Einführung. Seufzende Liebeslust und herzzerreißende Verzweiflung - danach habe sie in den gewählten Versen vergeblich gesucht. Wie aber sehen sie aus, die liebsten Herzensergießungen eines Finanzfachmannes?

Huber, in Anzug und Krawatte, nimmt am Rezitationspult Platz, scherzt über sein "wenig elaboriertes Lyrikverständnis" und liest, ohne Pathos, ohne Schnörkel: Den Anfang macht Hans Magnus Enzensberger mit den "Elixieren der Wissenschaft". Das Gedicht zeichnet liebenswert die schrullige, Gestalt des Informatik-Pionier John von Neumann. Wenig Leidenschaft, viel Witz. Die Hörer sind amüsiert. Lyrisch geht es weiter, mit Goethes "Gingko biloba". "Fühlst du nicht an meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin", lässt Goethe Hatem in seinem West-östliche Divan singen. Auch das tief poetisches "Wanderers Nachtlied" schließt sich an. Außerdem Klassiker wie "Abends frag ich meine Mutter" von Ingeborg Bachmann und und Rainer Maria Rilkes "Herbsttag" mit den berühmten Zeilen: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben ..."

Ernst Jandls "Ottos Mops" bringt dem Vortragenden zuverlässige Lacher. Doch auch unbekanntere Perlen von Ulla Hahn und Heinrich Heine hat Huber für seinen Lesung hervorgeholt. Nur schade, dass der Bücherstapel so schnell kleiner wird. Den meisten Hörern unbekannt: Die Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann. "Tja, das ist ein Generationenproblem", sagt Huber, lacht und liest: "Ich sitzte still am Tisch, froh, dass keiner kommt und mich fragt, was das zu bedeuten hat. Ich wüsste es nicht." Egal: Doch schön, wenn die Seele eines Finanzmanns auch in der Poesie zuhause ist.

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