Hochsaison für Bayerns Sturmjäger

- Ismaning/Neufahrn - Die Jagdsaison ist wieder eröffnet. Jetzt, im Früh- und Hochsommer, ist die beste Zeit für das "Bavaria Storm Team", Stürmen, Gewittern und vor allem Tornados nachzujagen und sie zu dokumentieren. Die sechs Männer und Frauen sind so genannte "Sturmjäger", abgeleitet vom amerikanischen "Stormchasing".

<P>"Wir sind keine sensationsgeilen Wetterfreaks."<BR>Lars Lowinski</P><P>Braut sich am Himmel ein Unwetter zusammen, versuchen sie, mit dem Auto direkt ins Zentrum zu fahren und das Geschehen wissenschaftlich zu dokumentieren. "Wir sind aber keine sensationsgeilen Wetterfreaks, die Action erleben wollen", sagt Lars Lowinski aus Neufahrn und lacht. Als Meteorologe leitet er das Team, dem noch vier weitere Wetterforscher und ein Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) angehören. Die präzisen Aufzeichnungen der "Sturmjäger" zu Regenintensität, Zugrichtung, Hagel und Sturmstärke sind wichtig für Unwetter-Vorhersagen und Warnungen.</P><P>"Tornados sind in Deutschland keine Seltenheit", sagt Lowinski. Ungefähr zehn Stück gebe es jedes Jahr über Deutschland. "Die Dunkelziffer liegt aber weit höher", meint der Meteorologe. Er schätzt, dass bis zu 30 Tornados jährlich über der Bundesrepublik wirbeln. "Die meisten von ihnen sind relativ schwach", sagt er. "Es ist aber auch gut möglich, dass sie solche verheerenden Auswirkungen wie in den USA annehmen."</P><P>Tornados entstehen, wenn die Luft am Boden heiß und schwül ist und eine so genannte Windscherung entsteht. Diese bildet sich, wenn der Wind, der vom Boden in die Höhe steigt, zunehmend stärker wird und dabei seine Richtung ändert. "Wie stark diese Windscherung ist, hängt von verschiedenen lokalen Effekten ab", sagt Lowinski. Zum Vergleich: Als Ende Mai ein Tornado bei Starnberg über einem Waldstück wirbelte, herrschten im 40 Kilometer entfernten Bad Tölz genau die gleichen Bedingungen. Dort geschah aber nichts dergleichen. "Im Prinzip sind die ,Zutaten für einen Tornado weltweit die gleichen", sagt der Experte. Jene so genannten "Superzellen" wie in den USA kämen in Deutschland "sogar viel häufiger, vor als man denkt."</P><P>Ein Blick in die Wettergeschichte zeigt, dass Deutschland sehr wohl immer wieder von Tornados heimgesucht wurde. Am 14. Juli 1894 wütete ein Tornado im bayerischen Forstinning und riss den Kirchturm ab. 1927 wirbelte ein Tornado der Stärke "F4", das ist für Wissenschaftler die zweithöchste Windstärke mit rund 400 Stundenkilometern, im niedersächsischen Lingen und machte ganze Häuserzüge dem Erdboden gleich. Im Januar 1935 wurde in Düsseldorf eine Fabrikhalle auseinander gerissen, und am 4. Mai 1952 schlug ein Tornado eine kilometerlange Waldschneise im Harz. Dass der "F4-Tornado", der 1968 über Pforzheim wirbelte, am späten Abend entstand, bezeichnet Lowinski als "großes Glück": "Wäre er zu einer Zeit entstanden, als noch viele Leute auf den Straßen waren, hätte es eine Katastrophe geben können." Glück im Unglück hatten die Einwohner von Kiel im Mai 1973: Dort deckte ein Tornado den Hauptbahnhof ab, löste sich danach aber rasch wieder auf.</P><P>Lowinski schließt nicht aus, dass die Klimaveränderung eine Tornado-Entstehung begünstigt. "Wenn sich die Atmosphäre aufheizt, erwärmt sich die Meeresoberfläche, und dadurch verdunstet mehr Wasser. Und immer mehr Feuchtigkeit in der Luft bedeutet wiederum mehr Energie. Diese Energie kann sich in sehr heftigen Wirbelstürmen entladen, die auch Mitteleuropa treffen würden."<BR>Wer bei den "Sturmjägern" aktiv ist, darf vor allem keine Angst vor Blitz, Donner und Hagelschlag haben. "Angst lähmt. Dadurch verliert man in heiklen Situationen einen kühlen Kopf", sagt Lowinski. Die Männer und Frauen sind auch zu ihrer eigenen Sicherheit nie alleine unterwegs, sondern stets in Zweier- und Dreiergruppen mit strikter Arbeitsaufteilung: Einer fährt, einer notiert die Wetterbeobachtungen und telefoniert, ein dritter filmt und fotografiert.</P><P>"Skywarn"-System<BR>stammt aus USA</P><P>Die Aufzeichnungen, die sie während ihres Einsatzes machen, fließen direkt in das so genannte "Skywarn"-System von "Meteos" in Ismaning. Dort arbeitet Lowinski hauptberuflich als Meteorologe und ist für Tornado-Forschung zuständig. "Skywarn" ist wie die "Sturmjäger" eine Erfindung aus den USA und dort ein bewährtes Mittel zur Unwetter-Vorhersage und -analyse. Vor einigen Jahren griff "Meteos" diese Idee auf, und heute laufen in Ismaning in einem bisher bundesweit einzigartigen System sämtliche Daten von<BR></P><P>verschiedenen Regionalstellen aus ganz Deutschland über Gewitter, Hagel und Stürme zusammen, werden dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet. Vor allem Radiosender profitieren von der schnellen Bearbeitung. Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat schon seine Fühler nach der "Skywarn"-Datenbank ausgestreckt.</P><P>Doch trotz modernster Technik sind die Meteorologen noch immer auf das menschliche Auge angewiesen. "Kein Radar- oder Satellitenbild kann uns sagen, was genau vor Ort passiert ist, also, ob Bäume entwurzelt wurden, wie groß die Hagelkörner waren, oder ob Schlammlawinen Straßen unpassierbar gemacht haben", sagt Lowinski. "Der Mensch ist also das wichtigste Teil im Puzzle Wetter."</P><P>Infos im Internet unter<BR>http://skywarnbayern.bavariastormteam.com<BR><BR><BR></P>

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