Hormone aus dem Hahn

- Brausetabletten gegen Kopfschmerzen, die Pille zur Empfängnisverhütung, eine Salbe gegen Kreuzschmerzen - Medikamente heilen Krankheiten, lindern Schmerzen und verlängern unser Leben. In Gewässern können die nützlichen Stoffe jedoch Schäden anrichten.

Durch Abwasser und Mülldeponien gelangen sie in Seen und Flüsse. Besonders die Tiere leiden. Spuren von Arzneimitteln finden sich selbst im Trinkwasser.

Tabletten sind noch immer die gängigste Form, eine Arznei zu sich zu nehmen. Doch nur ein geringer Teil des Medikaments wird vom Körper aufgenommen. Der Mensch scheidet bis zu 95 Prozent der Wirkstoffe wieder aus. Über das Abwasser gelangen sie dann in die Gewässer.

Ein Problem ist zudem die Entsorgung alter Arzneien. Jedes Jahr landen in Deutschland 4000 Tonnen Salben, Tabletten und Zäpfchen im Müll oder in der Toilette. Über das Sickerwasser der Mülldeponien gelangen auch sie in die Umwelt. Die langfristigen Auswirkungen auf Mensch und Tier kennt niemand.

Kläranlagen bauen Arzneimittel kaum ab

Selbst moderne Kläranlagen sind mit den Medikamentenresten überfordert. "Bei den meisten Arzneimitteln ist die Abbauleistung der Kläranlagen schwach", sagt Dr. Manfred Sengl, Lebensmittelchemiker vom bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU). Wie gut pharmazeutische Rückstände abgebaut werden können, hängt unter anderem von ihrer Wasserlöslichkeit ab.

So wird bei Antibiotika das weniger wasserlösliche Ciprofloxacin im Klärschlamm fast vollständig gebunden. Das gut wasserlösliche Trimethoprim bleibt auch nach der Reinigung in der Kläranlage im Wasser. Zwar gibt es heute wirksamere Methoden, die selbst schwer abbaubare Rückstände entfernen. Doch können sich nur wenige Gemeinden die teure Technik leisten.

So gelangt ein Großteil der Rückstände in Flüsse, Bäche oder Seen. Um mehr über Arzneimittel und ihre Abbauprodukte in Kläranlagen zu erfahren, startet das LfU ab November ein neues Forschungsprojekt. Bereits von 2000 bis 2002 untersuchte es Proben aus Kläranlagen, Flusswasser, Grundwasser und Abwässern eines Krankenhauses auf Medikamentenrückstände. Das Ergebnis: Der Richtwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser wurde nicht selten überschritten.

Im Blick haben die Forscher vor allem Substanzen, die in den Hormonhaushalt eingreifen, wie der Wirkstoff der Antibabypille Ethinylestradiol. Schon geringe Mengen wirken auf die tierischen Bewohner der Gewässer. In Großbritannien setzten Forscher männliche Fische über längere Zeit dem Pillenhormon aus - sie verweiblichten. Waren sie als Embryonen den Hormonen ausgesetzt, entwickelten sie sich zu Zwittern. Die Nachkommen konnten sich zum Teil nicht mehr fortpflanzen.

In bayerischen Gewässern ist die Lage indes noch nicht so dramatisch. Das haben jedenfalls Studien von Dr. Julia Schwaiger vom LfU ergeben. Die Tierärztin setzt männliche Karpfen und Forellen in Seen, Flüssen und Abläufen von Kläranlagen aus. Nach vier Wochen im Schwimmkäfig werden die Fische untersucht.

Das Ergebnis: Auch Bayerns Gewässer sind zum Teil gering mit künstlichen Östrogenen, den weiblichen Geschlechtshormonen, belastet. Dies führt bei den männlichen Fischen zu einem Anstieg eines normalerweise für Weibchen typischen Eiweißstoffes im Blut. "Eine regelrechte Verweiblichung war aber in keinem Fall nachzuweisen", sagt Schwaiger.

In Laborversuchen des LfU reagierten die Fische allerdings stark auf andere Wirkstoffe im Wasser. "Bei Diclofenac, einem Schmerzmittel, konnten wir Veränderungen in der Niere der Fische feststellen", erzählt die Münchnerin. Auf den Menschen seien die Ergebnisse jedoch nicht übertragbar. Denn Fische sind den Wirkstoffen direkt und ständig ausgesetzt.

Auch für das Trinkwasser gibt Sengl Entwarnung: "Es ist zwar mit winzigen Spuren von einigen wenigen Arzneimitteln verunreinigt, die menschliche Gesundheit wird dadurch aber nicht beeinträchtigt."

Trotzdem sollen möglichst wenig Medikamente ins Wasser gelangen. Nur wenige wissen, dass Arzneimittel nicht in die Toilette gehören (siehe Kasten). Aber auch an die Pharmaindustrie appelliert Sengl: "Es gibt Ansätze, schon bei der Entwicklung von Arzneimitteln auf eine bessere Abbaubarkeit zu achten."

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