Hunde erschnüffeln Krebs

- Heidelberg - Ein kurzes Schnuppern mit der Hundenase, und die Diagnose steht fest. Mit ihren verblüffenden Riechkünsten sollen die Vierbeiner mehreren Studien zufolge Krebs erschnüffeln können - und zwar am Atem der Patienten.

Ein simpler Geruchstest statt belastender Untersuchungen: Die Aussicht, dass Hunde schon frühe Stadien von Lungen- oder Brustkrebs entdecken könnten, klingt höchst verlockend. Den Einsatz von Tieren am Krankenbett hält Jürgen Lösch vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zwar für ausgeschlossen. Der Ansatz aber, dass Tumore sich durch einen charakteristischen Geruch in Körpersekreten verraten, könne bei der Entwicklung so genannter elektronischer Nasen zur Früherkennung von Krebs helfen.

"Spannend ist, dass es bei Krebspatienten etwas gibt, was die Hunde wahrnehmen können", betont Lösch. Wenn die Forscher wüssten, worauf die Tiere anspringen, sei der Weg frei für die Anwendung elektronischer Nasen - Messgeräte, deren empfindlicher Sensor bei der Analyse von Gasgemischen auf winzige Mengen einer bestimmten Substanz reagiert. Bisher werden diese Apparate etwa zur Messung von Luftschadstoffen oder zur Qualitätskontrolle in der Lebensmittelindustrie eingesetzt. Der Haken: "Niemand weiß, was genau die Hunde bei Krebskranken riechen", erklärt der Biologe. "Und man kann die Tiere nicht fragen."

In einer aktuellen Studie haben Forscher um Michael McCulloch von der kalifornischen Pine Street Klinik nachgewiesen, dass Hunde Tumore mit hoher Treffsicherheit erschnuppern können. Fünf Testtiere - drei Labradore und zwei portugiesische Wasserhunde - waren drei Wochen lang darauf trainiert worden, anhand von Atemproben Lungen- und Brustkrebs zu erkennen. Die Wissenschaftler ließen dann 55 Patienten mit Lungenkrebs, 31 mit Brustkrebs und 83 Gesunde in Plastikröhrchen pusten. Das erstaunliche Ergebnis: In 88 bis 97 Prozent der Proben erkannten die Hunde korrekt - sowohl bei den Krebspatienten als auch bei den gesunden Probanden. Die Untersuchung soll in der März-Ausgabe des Journals "Integrative Cancer Therapies" (DOI: 10.1177/1534735405285096) veröffentlicht werden.

Zuvor waren unter anderem britische Wissenschaftler bei Blasenkrebspatienten auf den Hund gekommen. Nach dem Schnuppern an Urinproben erzielten die Tiere in der Studie jedoch nur eine Trefferquote von 41 Prozent. Erstmals hatte das Medizinjournal "The Lancet" 1989 über einen Vierbeiner berichtet, der ständig intensiv am Hautkrebs seiner Besitzerin schnupperte. Mit ihrer ausgeprägten Schnüffelnase sind Hunde bisher aber vor allem in der Drogenfahndung oder beim Aufspüren von Bomben und verschütteten Menschen im Einsatz.

In der Medizin seien Hunde als Helfer problematisch, erklärt der Lungenspezialist Felix Herth von der Universitätsklinik Heidelberg. "Jeder Hund riecht anders, eine gleich bleibende Schnüffelqualität lässt sich nicht garantieren. So ein Tier ist eben keine unbestechliche, geeichte Maschine." Auch wenn eine Hundenase nach Darstellung von Prof. Hermann Bubna-Littitz "hunderttausend- bis millionenfach" empfindlicher ist als das menschliche Geruchsorgan: Selbst von Hund zu Hund gebe es beim Geruchssinn große Unterschiede, erklärt der Wiener Physiologe. "Grob gesagt, ist die Größe der Riechschleimhaut abhängig davon, wie lang die Schnauze ist."

Dass sich Ärzte zur Krebsdiagnostik einen Hund in ihrer Praxis halten sollten, sei absurd, sagt Herth - auch aus hygienischen Gründen. Lösch rügt zudem methodische Mängel in der kalifornischen Studie, allen voran die geringe Zahl der Testtiere. "Bei Schnüffeltests mit fünf Hunden ist völlig unklar, ob sie wirklich etwas riechen oder lediglich auf ein bestimmtes Verhalten reagieren."

Um die Entwicklung elektronischer Nasen voranzutreiben, muss daher geklärt werden, was die Tiere tatsächlich wahrnehmen: Welche Stoffe in welcher Konzentration sorgen für den Geruchsunterschied zwischen Krebszellen und gesunden Zellen? "Aus den Studien lässt sich lernen, dass wir uns stärker auf Körperausscheidungen fokussieren sollten", sagt Herth. Wenn ein Tumor wachse, müssten schließlich auch Abbauprodukte aus dem Körper geschleust werden.

Dieses Prinzip mache sich eine elektronische Nase zu Nutze, die - zu Studienzwecken - bereits zum Erkennen von Lungenkrebs eingesetzt werde, berichtet der Mediziner. Eine 2005 publizierte Untersuchung mit 76 Probanden habe erste Hinweise für den Erfolg der Methode geliefert. Auf welche Stoffe im Atem das Gerät mit einem Piepen reagiere, sei allerdings "Firmengeheimnis". "Und ob das wiederum dasselbe ist, was die Hunde erschnüffeln, ist völlig unklar."

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