Als Hundebären in Bayern jagten

- Es war die Zeit, als in Bayern noch Wolpertinger lebten: Durch die Büsche hüpften hasengroße Hirsche mit Vampirzähnen. In den Laubwäldern wanderten plumpe Krallentiere mit Gorilla-Armen. Räuberische Hundebären zogen durch Sümpfe. Damals fühlten sich an Orten, wo Millionen Jahre später Städte wie München und Augsburg entstehen sollten, auch Mitglieder der Familie der Rhinocerotidae wohl.

"In Bayern hat es damals von Nashörnern nur so gewimmelt", sagt Professor Kurt Heißig, Säugetier-Spezialist im Paläontologischen Museum München, und zeigt auf einen Riesenschädel in einer Vitrine. Er gehörte einst einem stattlichen bayerischen Panzernashorn.

In Bayern lebten sechs Nashornarten

Wie viele Stücke der neuen Nashorn-Ausstellung, die Heißig konzipiert hat, stammt er aus einem Steinbruch in Sandelzhausen, einer Fundgrube für Erdgeschichtsforscher. Hochwasser schwemmte einst Schotter und Lehm in eine Mulde etwa 70 Kilometer nördlich von München. Auch Tiere fielen der Urzeit-Flut zum Opfer. Übrig geblieben ist, in Form versteinerter Knochen, eine Momentaufnahme der Tierwelt vor 16 Millionen Jahren.

Die Münchner Forscher haben den Schatz aus Hasenhirschgeweihen, Schlafmauszähnen und Flughörnchenknochen in jahrelangen Grabungen gehoben. Jetzt lagern die Stücke präpariert in Schubladen und warten auf ihre wissenschaftliche Entschlüsselung. Welchen Tieren sie einst gehörten, ist größtenteils bekannt.

Viele Mitglieder dieser bayerischen Urbevölkerung muten heute exotisch an. Urzeitliche Monster wie haushohe Raubsaurier sind allerdings nicht darunter. "Die Tierwelt fing an, sich der heutigen anzugleichen", erklärt Heißig. Doch ähnelte die bayerische Fauna damals eher der Ägyptens. Die weiten Auen Bayerns waren noch Sümpfe und subtropische Wälder. Die Durchschnittstemperatur lag bei 16 bis 20 Grad. Heute bringt es das Thermometer im Schnitt gerade mal auf 8 Grad. "Die Erdgeschichte kennt viele Klimaveränderungen", sagt Heißig. Die Verschiebung der Kontinente, die Aktivität der Sonne und die Neigung der Erdachse brachten mal Hitze, mal Kälte.

Auch die ersten Nashörner in Nordamerika liebten es warm. Sie erreichten vor 45 Millionen Jahren Europa trockenen Fußes über die Behringstraße, die Alaska mit Asien verband. "In Bayern gab es gleichzeitig bis zu sechs Arten", sagt Heißig. Die Vitrine zeigt Schädel und Beine von Panzer-, Kurzfuß- und auch Hornlosen Nashörnern. Denn nicht das Horn macht ein Rhinozeros. "Typisch waren zunächst die langen Schneidezähne", sagt Heißig. Die asiatischen Nachfahren schlagen sich bis heute mit ihren kräftigen Hauern durchs Leben. Auch in den Vitrinen sucht man die Hörner vergeblich. Sie bestehen wie Haare aus Keratin und sind der Zeit zum Opfer gefallen.

Dennoch verraten die Reste viel über die Geschichte der Nashörner. Die Ausstellung zeichnet sie nach, von seinen Urahnen, den kleinen Urpferdchen, über die Tapire bis zu den letzten bayerischen Nashörnern. Sie hatten sich wegen der Eiszeit ein dickes Fell zugelegt. Doch vor etwa 12 000 Jahren verschwand auch das letzte Wollnashorn.

Weiter geht die Geschichte der Nashörner heute in Afrika und Asien. Ob sie bald zu Ende sein wird, ist ungewiss. Denn wegen seines Horns wird das Rhinozeros gejagt. Noch immer ist es als Aphrodisiakum begehrt. Doch Heißig hat Hoffnung: "Vielleicht rettet ihm ja Viagra das Leben."

Nächste kostenlose Führung durch "Nashörner - große Vergangenheit, bedrohte Gegenwart" am Mittwoch, 20. September, 15 Uhr.

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