Um zu hungern bis in den Tod

- Manche essen fast nichts mehr, andere stopfen in unkontrollierten Fressorgien wahllos Nahrung in sich hinein, um sich dann zu erbrechen. Wieder andere zählen jede Kalorie und treiben exzessiv Sport, um sie wieder abzubauen. Alle Gedanken von Essgestörten kreisen den ganzen Tag nur um eins: das Essen.

Die Folgen des Schlankheitswahns: schwere Mangelerscheinungen, Schädigung von Niere, Leber, Magenschleimhaut und Zähnen, Verätzung der Speiseröhre, Haarausfall, Herzrhythmus-Störungen. 15 bis 20 Prozent der Magersüchtigen hungern sich zu Tode, zeigt eine Studie der Universität Ulm. Rechnet man die Ess-Sucht hinzu, "ist die Verbreitung von Essstörungen in Deutschland mit der des Diabetes mellitus mit circa vier Millionen Betroffenen vergleichbar", sagt Studienleiter Horst Kächele. "Die Anorexie (Magersucht) fordert mehr Opfer als jede andere psychiatrische oder psychosomatische Störung." Die Therapie gestaltet sich wegen der fehlenden Krankheitseinsicht oft äußerst schwierig: Zwei Drittel der Behandlungen scheitern. "Etwa ein Drittel entwickelt andere Störungsformen, wie Ess-Brechsucht, nur rund ein Drittel wird wieder gesund", sagtMartin Grunwald, Leiter des Haptik-Labors der Universität Leipzig.Wovon der Therapieerfolg abhängt, ist bis heute unklar. Je perfekter das (bei chronischer Magersucht nicht selten über Jahrzehnte verinnerlichte) System der Selbstkontrolle und Verheimlichung funktioniert, desto schwerer wird es, das Verhaltensmuster zu durchbrechen. Es gibt unterschiedliche Erklärungsmodelle über die Ursachen der Magersucht. Man vermutet ein Geflecht aus genetischer und seelischer Disposition, kulturellen und familiären Einflüssen.

Gemeinsam ist allen Essgestörten ein verändertes Körperbild. Grundwald: "Sie erleben die Dimensionen ihres Körpers oder Teile, wie Oberschenkel oder Bauch, falsch. Sie beschreiben ihren Körper trotz offensichtlicher Abmagerungserscheinungen als dick, fett und aufgedunsen." Um das verzerrte Körperbild wieder gerade zu rücken, wählte Silja Vocks, Psychotherapeutin an der Ruhr-Universität Bochum, einen Spiegel. In einer Studie konfrontierte sie vor und nach einer Psychotherapie 21 essgestörte Frauen und eine gesunde Kontrollgruppe 40 Minuten lang mit ihrem eigenen Spiegelbild. Sie sollten ihren Körper betrachten und beschreiben und ihre Emotionen wie Angst, Ekel, Traurigkeit, Anspannung, Unsicherheit, Wut, Stress auf einer Skala von 1 bis 5 einordnen. Außerdem wurden sie aufgefordert, gezielt das zu betrachten, was sie an ihrem Körper schön finden. Während der Spiegelsitzung wurden alle zehn Minuten Herzfrequenz, Hautleitfähigkeit und die Menge des Stresshormons Kortisol im Speichel gemessen.

Essgestörte stehen mit ihrem Körper auf Kriegsfuß", erklärt Vocks. "Den Blick in den Spiegel meiden sie ebenso wie Tanzen oder Schwimmen. Sie empfinden sich selbst gegenüber negative Gefühle wie Angst, Ekel oder Wut." Ziel der Therapie ist die Korrektur der verzerrten Wahrnehmung, die Kranken sollen lernen, ihren eigenen Körper realistisch und positiver einzuschätzen. Mit Erfolg: Während die physiologischen Parameter bei beiden Studien-Gruppen gleich blieben, hatten essgestörte Frauen zunächst erwartungsgemäß wesentlich negativere Gefühle und Gedanken gegenüber ihrem Körper als Gesunde. Diese Reaktionen ließen aber nach, je länger sich die Probandinnen im Spiegel betrachteten. Der Effekt verstärkte sich weiter, je häufiger die Frauen die Spiegelsitzungen wiederholten."Dieses Ergebnis zeigt, dass die Konfrontation mit dem eigenen Körper als Unterstützung einer Therapie gegen Essstörungen Sinn macht", folgert Silja Vocks, die an der Ruhr-Universität Körperwahrnehmungskurse für Frauen mit Essstörungen anbietet.

Die Ursachen der verzerrten Körperwahrnehmung erforscht Grundwald in Leipzig. "Bei Tests, die den Tast- und Berührungssinn betreffen, schnitten Magersüchtige extrem schlecht ab." Grundwald vermutet eine organische Funktionsstörung der für den Berührungssinn zuständigen Hirnregion in der frühen Kindheit. Außerdem eine Störung des inneren Tastsinns, der Körpers bei jeder Bewegung abtastet. Das Gehirn verarbeitet ständig sensorische und motorische Informationen und integriert sie sinnvoll. "Ist dieser Prozess gestört, nehmen Betroffene ihre Körperdimensionen falsch wahr, ihr Körperschema ist gestört."

Literatur: Wer schön sein will, muss leiden? Wege aus dem Schönheitswahn - ein Ratgeber. Von Tanja Legenbauer, Silja Vocks, Hogrefe-Verlag, 2005, ISBN: 3-8017-1868-9, 16,95 .Adressenwww.bundesfachverbandessstoerungen.de (Zusammenschluss ambulanter Betrungs- und Therapiestellen)www.magersucht.de (Selbsthilfe-Verein)www.hungrig-online.de (gemeinnütziger Verein)

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Games-Charts: Wütende Vögel und Gartenkunst
Neben dem Klassiker unter den Strategiespielen "Monopoly" kommen auch leidenschaftliche Gärtner nicht zu kurz. Sie müssen einen verwunschenen Garten wieder in Ordnung …
Games-Charts: Wütende Vögel und Gartenkunst
Smartphone auf Reisen: Ohne Gerätesperre geht es nicht
Auch im Urlaub lauern Gefahren. Besitzer mobiler Geräte müssen daher aufpassen. Damit es nicht zu herben Enttäuschungen kommt, sollten Nutzer noch diese drei Dinge tun.
Smartphone auf Reisen: Ohne Gerätesperre geht es nicht
Windows-Passwörter erneuern
Experten empfehlen, das Systempasswort für den Rechner regelmäßig zu ändern. Auf Wunsch kann Windows 10 einen daran erinnern.
Windows-Passwörter erneuern
Netflix startet mit interaktiven Inhalten
Der US-Streaming-Dienst Netflix bietet nun auch interaktive Filminhalte an. Nutzer können selbst entscheiden, wie die Handlung einer Geschichte weitergeht.
Netflix startet mit interaktiven Inhalten

Kommentare