"Ich habe mir mein Kind anders vorgestellt"

- Anette ist in der 17. Schwangerschaftswoche. Sie freut sich über ihr Kind und hat zudem genaue Vorstellungen, wie es werden wird: Es wird ihr ähnlich sehen, aber den Charakter ihres Mannes erben. Dieses Bild ändert sich in der 32. Woche. Da glaubt sie, das Kind würde schwarzhaarig und dunkelhäutig werden, obwohl sie und ihr Mann beide blond und hell sind.

Als Mädchen wird es willensstärker und durchsetzungsfähiger als sie selbst es ist. Wird es ein Junge, glaubt Anette, würde er ruhig und bedächtig sein. Wie sie.

Solche Bilder nennt man Schwangerschafts-Phantasien. Gisela Schleske von der Säuglingsambulanz am Psychoanalytischen Institut Freiburg hat auf dem Symposium über "Die Anfänge der Eltern-Kind-Bindung" in München auf die Bedeutung dieser Phantasien für die Entwicklung des Kindes hingewiesen. Wähern der Schwangerschaft nämlich werden die Weichen für die spätere Entfaltung seiner Persönlichkeit gelegt. Deshalb ist es wichtig, dass die Frau gut in ihre neue Rolle hineinwächst und eine Beziehung zu ihrem Kind entwickelt. Das geschieht in mehreren Phasen.

Das Kind bekommt im Mutterleib alles mit

In der ersten Phase spürt die Mutter das Kind nicht. Die Phase ist gekennzeichnet durch die "Abwesenheit der Repräsentanz für das Kind", erklärte Schleske. Da geht es eher darum, "wie es sich anfühlt schwanger zu sein", so die Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Dafür spürt das Kind seine Mutter umso mehr. Es nimmt Veränderungen von Stimmlage, Herzfrequenz und Blutdruck wahr, wie der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther erklärte. Es spürt Anspannung der Mutter, weil diese dann die Bauchdecke spannt und dadurch die Bewegungsfreiheit des Kindes einschränkt. Auch merkt es, wenn es abgelehnt wird. Und nicht zuletzt hätten äußere Einflüsse Auswirkungen auf das Kind. Viele Fehlentwickungen wären nicht nötig gewesen, "wenn wir darauf geachtet hätten, wie es der Schwangeren geht, und dass sie mit ihrem Kind in Beziehung kommt", zeigte sich der Fachmann überzeugt.

Erst, wenn sie sich mit dieser neuen Rolle identifiziert, kann die Frau über Aussehen und Charakter ihres Kindes phantasieren und ein Kompetenzgefühl als werdende Mutter entwickeln. Sie kommt in die zweite Phase, in der die Frau gerne von den Bildern spricht, die sie sich vom Kind macht, und die Schwangerschaft als Erweiterung ihres Selbst wahrnimmt. "Die beginnende Unterscheidung von Mutter und Kind tritt ein", erklärte Schleske. Das ist die dritte Phase. "Vorgeburtliche Projektionen" machen dem reellen Kind Platz. Gelingt dieser Schritt nicht, konnte die Frau also "ihre Schwangerschaft psychisch nicht annehmen", dann ist auch die Umwelt bereiter, die Schwangerschaft zu übersehen", sagte sie und berichtete von einer 25-Jährigen, die das Kind als "Fremden" erlebt habe, der sich "breit macht", "die Kraft raubt". Im Ultraschall habe sie einen "monsterhaften Parasiten" gesehen.

Wird die Mutter von "negativen Impulsen überschwemmt oder lehnt sie das Kind ab", so Schleske, kann sie keine "Zwischenbilder" entwickeln. Die Folge: Sie wird die Diskrepanz zwischen ihrem Wunsch, wie das Kind sich verhalten sollte, und dem tatsächlichen Verhalten, etwa dessen schlechter Laune, schwer akzeptieren können. Ähnlich ist es bei Frühgeburten. Fehlt Zeit zum Phantasieren, kann die Frau ihr Baby bei der Geburt als "ganz anders" emfinden, sagte sie. Ihr Rat: Phantasieren nachholen. In der letzten Phase beschäftigt sich die Frau mit der Geburt. Die Bilder verblassen. Das Kind kann kommen.

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