Wer sie schreibt und wieso

Kommentare: Warum wird im Netz so viel gepöbelt?

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München - Es wird geschimpft, gepöbelt und beleidigt:  Was ist im Netz erlaubt, was verboten? Und wer schreibt eigentlich diese vielen Kommentare?

Jeden Morgen gegen zehn Uhr vergewissert sich Uwe Markert, dass die Welt noch so verrückt ist wie am Tag davor. Er klappt dann seinen Laptop auf und beginnt zu lesen. „Weil er Obdachlosen hilft: 90-Jährigem droht Haft“ steht da. „Die spinnen, die Amis“, denkt Markert – und tippt es auch gleich in die Tastatur. Nächster Artikel: „Sydney: Baby nach fünf Tagen aus Abflussschacht gerettet“. Markert tippt: „Ich wünsche dem Kleinen alles Glück der Welt in seinem Leben.“ 26 andere Nutzer sehen das genauso, sie signalisieren durch einen Klick ihre Zustimmung. Na also, Markert ist nicht allein mit seiner Meinung! „Likes“, nennt Markert diese virtuellen Schulterklopfer. Mehr als 18 000 davon hat er schon gesammelt. Sie sind der Grund, warum er jeden Tag liest und tippt. Gut 6000 Kommentare hat er schon geschrieben – in nur 1000 Tagen, allein auf merkur-online.de.

Uwe Markert schaut sich unsicher um, als er in einem Wirtshaus in Egling im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen erzählen soll, warum er so viele Kommentare ins Netz schreibt. Zum ersten Mal gibt er seine Anonymität auf. Bisher kennen ihn alle nur als den „bayerchaot“. So nennt Markert sich im Diskussionsforum, niemand weiß, dass sich dahinter dieser Mann aus Egling verbirgt. Heute bekommt der „bayerchaot“ ein Gesicht: 61 Jahre alt, breiter Schnauzer, Goldkettchen am Handgelenk, Frührentner.

"Die haben doch einen an der Waffel"

Uwe Markert

Es gibt viele Menschen wie Uwe Markert, die auf Internetseiten von Zeitungen kommentieren oder ihrem Ärger in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter Luft machen. Nicht selten schreien sie ihre Meinung förmlich ins Netz. Der „bayerchaot“ gehört zu den netteren. Klar, auch Markert wird schon mal deutlich. „Schmarrn“, schreibt er dann. Oder: „Die haben doch einen an der Waffel“, wenn ein Fan seine Tochter nach seinem Lieblingsverein TSV 1860 benennen will. Einen Kommentator, der die Berliner Mauer wieder aufbauen will, fragt der „bayerchaot“: „Wie verblödet muss man sein...“ Alles noch recht harmlos – vor allem, wenn man den Ton bedenkt, der sonst im Internet herrscht.

In Rosenheim hat die Polizei gerade Ermittlungen wegen Volksverhetzung gegen einen anderen Kommentator aufgenommen, weil er Asylbewerber im Netz beleidigte. Der Präsident des TSV 1860 München, Gerhard Mayrhofer, zeigte unlängst einen Fan an, der ihn auf Facebook als „Trottel“ beschimpfte. Der User soll nun 450 Euro Strafe zahlen. Da stellt sich die Frage: Was ist im Netz erlaubt? Und warum beschimpfen sich Nutzer so oft gegenseitig?

„Das liegt an der Anonymität: Wenn die Zwei sich gegenübersitzen würden, würde die Debatte anders laufen“, glaubt Markert. Das Netz schafft eine Distanz, durch die man nicht bemerkt, dass man einen echten, keinen virtuellen Menschen gerade verletzt. Oft seien die Kommentare „an der Grenze zur Beleidigung“, sagt auch Markert.

20.000 Kommentare - pro Monat

Nur wenn es einer völlig übertreibe, meldet Markert diesen Kommentar, dann schauen ihn sich die Mitarbeiter von merkur-online.de  genauer an. Eine Vorab-Kontrolle ist bei der Masse gar nicht möglich. Rund 20.000 Kommentare werden allein bei merkur-online.de  geschrieben – jeden Monat. Grundsätzlich können die Nutzer die meisten Artikel frei kommentieren. „Die Regeln sind weit gefasst, weil wir an die Leserteilhabe glauben“, erklärt Markus Knall, Chefredakteur von merkur-online.de. Die Regeln stehen in der sogenannten Netiquette. Dort heißt es unter anderem, dass „Inhalte, die vorsätzlich unsachlich oder unwahr sind“ oder „Inhalte, die strafbarer oder verleumderischer Art sind“, verboten sind. Ein Team von insgesamt 20 Mitarbeitern kümmert sich im Schichtdienst um die Einhaltung der Regeln. Trotzdem sei man darauf angewiesen, dass sich „die Community ein Stück weit selbst reguliert“, indem Verstöße gemeldet werden, sagt Knall.

Jeden Tag gibt es dutzende solcher Meldungen. Außerdem hilft die Technik: Auf einer sogenannten Blacklist stehen Wörter, meist Beleidigungen, bei denen Kommentare automatisch aussortiert werden. Wer häufig pöbelt und auffällt, wird dauerhaft gesperrt. Etwa 200 Nutzer können derzeit gar nicht mehr bei merkur-online.de  kommentieren.

Viele andere Internetportale, wie das der Süddeutschen Zeitung oder der Tagesschau, lassen inzwischen nur noch bei ausgewählten Artikeln Kommentare zu und moderieren dafür dort stärker. „Wir denken permanent darüber nach, wie wir die Kommentarfunktion weiterentwickeln“, sagt auch merkur-online-Chef Knall. Doch er will die Möglichkeit zu kommentieren vorerst nicht einschränken. „Die Leser empfinden es als ihr Recht – auch wenn es dazu für uns keine Verpflichtung gibt –, ihre Meinung bei uns zu äußern“, sagt Knall. „Sie empfinden das als großen Mehrwert.“

Regelmäßig ermittelt der Staatsanwalt

Man müsse akzeptieren, dass der Ton im Netz rauh ist. Das liege aber weniger an der Anonymität im Netz, schließlich gebe es bei Facebook genauso viele Beleidigungen und Verleumdungen, obwohl die Nutzer dort ihre tatsächlichen Namen verwenden müssen.

Regelmäßig melden sich bei Knall nicht nur andere Nutzer, sondern auch Staatsanwälte und Polizeibeamte, die wegen einzelner Kommentare ermitteln und um die Daten der Nutzer bitten. Denn auch das Internet ist kein rechtsfreier Raum, in dem man sich alles gefallen lassen muss. Im Grunde gelten die gleichen Regeln wie außerhalb des Netzes: Beleidigungen, üble Nachrede, falsche Behauptungen sind verboten.

Immer häufiger geht Jurist Ralf Höcker deshalb auch im Auftrag von Privatleuten gegen andere Internetnutzer vor. Höcker ist als Medienanwalt von Prominenten bekannt geworden, die sich gegen die Berichterstattung von Journalisten wehren, zu seinen Mandanten zählt auch der frühere Wettermoderator Jörg Kachelmann. Doch in den vergangenen Jahren nehmen die Fälle zu, in denen sich auch Privatleute gegen Veröffentlichungen zur Wehr setzen. Selbst Schulen haben sich schon an seine Kanzlei gewandt, weil sie mit sogenanntem Cyber-Mobbing konfrontiert waren: Schüler, die ihre Klassenkameraden im Internet, meist in Sozialen Netzwerken, fertigmachen und übel beleidigen.

Privatleute werden wie Journalisten behandelt

„Früher hat man sich nur gegen Journalisten gewehrt, dann musste man auch verstärkt gegen Blogger vorgehen, heute muss man sich auch oft gegen Privatleute wehren“, sagt Höcker. „Das spiegelt wider, dass das Internet aus jedem Privatmann ein Medium macht: Jeder David am Computer kann inzwischen ein medialer Goliath werden.“ Privatleute werden daher juristisch zunehmend wie Journalisten behandelt. „Und das ist auch gut so“, findet Höcker. Doch genau da liegt das Problem: Die meisten Internetnutzer wissen nicht, was erlaubt und was verboten ist, wo der Grat zwischen erlaubter Meinungsäußerung und übler Nachrede verläuft. „Das muss auf den Lehrplan der Schulen, man muss schon Kinder darüber aufklären“, fordert Anwalt Höcker.

Viel-Kommentator Uwe Markert findet das übertrieben: „Ich verklag’ keinen, man sollte die Kirche im Dorf lassen“, sagt er. „Wenn die Streiterei losgeht, geh’ ich einfach raus.“ Aber warum hat er überhaupt angefangen, so viele Kommentare zu schreiben? Vor gut drei Jahren wurde er in eine andere Abteilung versetzt, hatte plötzlich den ganzen Tag nichts zu tun. Ausgerechnet er, der als Experte jahrelang auf Baustellen in aller Welt unterwegs war. Jetzt saß er plötzlich nur noch im Büro, vor sich auf dem Schreibtisch: der Computer.

Kommentare als sozialer Kontakt

An manchen Tagen schreibt er 15 Kommentare oder mehr, an anderen liest er nur mit. „Ich will nur meine Meinung reinschmeißen und hoffe, Leute zu finden, die das auch so sehen“, erklärt Markert. Darum geht es ihm: Obwohl die Welt scheinbar immer verrückter wird, gibt es doch noch die, die so denken wie er. „Bei Alltagsthemen weiß ich, was die Mehrheit hier denkt“, sagt er stolz. „Oft treff’ ich einen Nerv.“ Sein Zustimmungsrekord sind 80 Likes für einen einzigen Kommentar. Er will nicht den Besserwisser spielen, sagt Markert – aber manchmal wisse er es nunmal besser. „Ich bin ein ganz normaler Typ, nicht hochgestochen, kein Oberlehrer“, sagt er. „Ich bin ein Typ, der klar denkt, grundsolide, ehrlich, fahre unfallfrei.“

Inzwischen sind die Kommentare an vielen Tagen Markerts einziger Kontakt mit der Außenwelt. Er ist im Ruhestand, Witwer, die Kinder sind aus dem Haus. Einkäufe erledigt er nur noch übers Internet. „Die Kommentare sind eine Sache, wo ich zu Hause noch ein bisschen am Leben teilnehmen kann“, sagt Markert. Dann fährt er wieder nach Hause. Er wird den Laptop aufklappen, lesen und tippen. Der Ausflug in die Realität ist dann beendet, aus Uwe Markert wird wieder der „bayerchaot“.

Philipp Vetter

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa-tmn

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