Die wichtigsten Fragen und Antworten

Süchtig nach dem Internet

München - Die vergangenen zehn Jahre hat Max sein Zimmer kaum verlassen. Er saß vor dem Computer und spielte im Internet. Manchmal 30 Stunden am Stück. Max ist internetsüchtig – und will das ändern.

Max ist nervös. Sein Hals ist rot, wie seine Wangen und Ohren. In der Hand hält er einen Plastikbecher, den er beim Sprechen ständig hin und her dreht. Er muss über Dinge reden, die ihm unangenehm sind. Seit November besucht er alle zwei Wochen die Sozialpädagogin Gabi Lauck in der Drogenberatungsstelle Condrobs in einem Altbau in Schwabing.

Max, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, trägt dunkle Jeans, graues Shirt und schwarze Sneaker. Er sieht aus wie viele 20-Jährige, und doch ist bei ihm alles anders. Die Realität hat er jahrelang gegen ein Leben im Netz getauscht. Wenn er sich vornimmt, eine Stunde zu spielen, dauert es immer länger. Drei Stunden oder vier oder 13. „Man kann alles ausblenden“, sagt er. Hunger, Durst, Müdigkeit, alles ist egal. Auch Schmerzen. Einmal schnitt sich Max aus Versehen mit dem Brotmesser in die Hand, es blutete, aber er setzte sich vor den Computer und spielte weiter.

So ähnlich wie Max geht es 2,4 Prozent aller 14- bis 24-Jährigen. Sie würden gerne mit dem Spielen oder Chatten im Internet aufhören, können aber nicht. Das geht aus einer Studie hervor, die das Bundesgesundheitsministerium 2013 in Auftrag gegeben hat. Doch eine Diagnose „Internetsucht“ existiert bislang nicht. Psychologen sprechen von exzessivem bis pathologischem Internetgebrauch.

Was das Spielen alles kaputt gemacht hat, sieht Max erst jetzt. „Ich könnte mich selbst ohrfeigen.“ Er weiß, dass er in den letzten zehn Jahren vieles verpasst hat. Die erste Party, den ersten Rausch, den ersten Kuss. Als andere das erlebten, saß er vor dem PC. „Das Leben beginnt jeden Tag neu“, sagt die Sozialpädagogin Gabi Lauck. Sie betont jedes Wort einzeln, als wolle sie bewirken, dass es so besser in Max’ Kopf geht.

Wie Max’ Wohnung aussieht, weiß außer ihm niemand. Er schämt sich für sie, will keinen reinlassen. Heute, ein Jahr nach dem Einzug, stehen die Umzugskartons immer noch da wie am ersten Tag. Max will das ändern, aber immer kommt etwas dazwischen, meistens das Spielen. „In zwei Monaten will ich die Wohnung so weit fertig haben, dass ich meine Eltern einladen kann“, sagt Max.

Fürs Spielen hat er sich verschuldet. Um besser als die Gegner zu sein, kaufte sich der 20-Jährige virtuelles Zubehör, zum Beispiel einen unsichtbaren Panzer. Die Rechnungen legte er auf einen Stapel, bis die Mahnungen kamen. Heute hat er Schulden im vierstelligen Bereich, genauer will er das nicht sagen. Seine Eltern wissen davon nichts.

Max spielte oft bis spät in die Nacht. Weil er dann am nächsten Tag zu spät in die Arbeit kam, sagte seine Ausbilderin zu ihm, „wenn man ein Problem hat, ist es okay, sich Hilfe zu holen“. Eine Weile danach ging er zu Condrobs. Zwei Mal stand er vor der großen braunen Holztür der Beratungsstelle in Schwabing, beim dritten Mal ging er hinein.

Max spielt, seit er sechs Jahre alt ist. Schon mit zwölf ist er ein Profi am PC. Er lernte, ihn schneller zu machen und die Passwörter zu knacken, die seine Eltern installierten. Sie verboten ihm, mehr als eine Stunde am Tag zu spielen. Doch sobald die Eltern aus dem Haus waren, spielte Max stundenlang. Das ging schon am Morgen los, zwischen sechs und halb sieben war er ungestört. Manchmal tat Max so, als ob er krank wäre, weil er dann nicht in die Schule musste und alles durfte. „In meiner Klasse spielte jeder.“ Das lag vor allem an einem Jungen, dem schlausten, beliebtesten, unnahbarsten. Der Junge war Max’ Banknachbar und ein Vorbild, an das er nie so ganz herankam. „Er war besser, in allem. Ich war immer der zweite Mann.“ Im Vordergrund steht Max nicht gerne. Wenn er vor der Klasse sprechen musste, zitterte er, wurde rot. Konfrontationen ging er immer aus dem Weg. Bei Freunden, aber auch zuhause. Seine Eltern sagten Max immer, was er zu tun hatte, und er parierte. „Wenn ich das Haus verlassen habe, musste ich alle 500 Meter anrufen und Bescheid sagen, wo ich bin.“ Das hat genervt, aber Max machte es trotzdem. Nach dem Schulabschluss sagten ihm seine Eltern, er solle eine Lehre zum Bankkaufmann machen. Und er machte es.

„Menschen, die ein geringes Selbstwertgefühl haben, die sehr unsicher sind und Schwierigkeiten haben, reale soziale Kontakte zu knüpfen, kompensieren das oft mit Internetgebrauch“, sagt Gabi Lauck. Im Internet können sie sich größer, stärker, toller machen, als sie eigentlich sind. „Viele haben Depressionen, ADHS oder sind zusätzlich drogenabhängig.“ Die Internetsucht sei immer nur die Spitze des Eisbergs.

Eine andere Sucht hat Max nicht. Depressiv ist er auch nicht, sagt er. Zu einem Psychiater geht er nicht, weil er keine Tabletten nehmen will. Aber seitdem er mit Gabi Lauck über seine Probleme spricht, ist vieles besser geworden. Er kommt nicht mehr müde zur Arbeit, schafft es zumindest, unter der Woche weniger zu spielen. „Du musst kleine Schritte gehen“, sagt Lauck zu ihm und lächelt wie Sozialpädagoginnen lächeln. „Ich weiß“, sagt er.

Max ahnte schon vor zwei Jahren, dass er süchtig sein könnte. Damals wurde sein Account beim Internetspiel World of Warcraft gelöscht. In dem Rollenspiel musste Max gemeinsam mit anderen Aufgaben in einer Fantasie-Welt lösen. Er hatte seine Spielfigur manipuliert, schneller gemacht, als sie eigentlich war. Ein Verstoß gegen die Regeln. Max wusste das, er nahm das Risiko in Kauf, um besser zu sein. Er hatte seine ganze Teenager-Zeit in diese Figur gesteckt. Plötzlich war sie weg. Und Max wurde wütend. „Ich hätte zu denen fahren können und alles kurz und klein hauen.“

Aber er macht es nicht. Er schmeißt auch keine Teller gegen die Wand, er schreit nicht, er kämpft nicht. So ist Max nicht. Aber er muss etwas gegen die Leere tun. Also lädt er sich sofort ein neues Spiel runter. Doch das dauert eine Stunde. Für Max zu lange. Er weiß nicht, was er machen soll. Er ist unruhig, läuft zu Subway, schlingt ein Sandwich herunter, alleine.

„Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl beschreiben soll. Wütend, dann traurig.“ Max hat nicht nur eine Spielfigur verloren. Sie war sein zweites Ich, zwischen Elfen, Gnomen und Zwergen war er zu Hause. Im Spiel hat er Freunde gefunden, mit denen er virtuelle Abenteuer erlebte, mit denen er kämpfte und siegte. Und von denen er sich nicht mal verabschieden konnte.

Diesen Samstag finden Sie in Ihrem Münchner Merkur einen Schwerpunkt zum Thema Medizin mit Texten von Journalistenschülern der DJS. Dieser Artikel ist Teil der Aktion. Mehr Texte können Sie in der gedruckten Ausgabe lesen.

Bei World of Warcraft mit einer neuen Figur von vorne anzufangen, kommt für Max nicht in Frage. Es hätte Jahre gedauert, bis er wieder auf dem gleichen Spielstand gewesen wäre. Deshalb spielt er jetzt vor allem Strategiespiele, zum Beispiel Prison Architect. In dem Spiel muss er Gefängnisse bauen. Max zerbricht sich stundenlang den Kopf darüber, wie er es verhindern kann, dass die Gefangenen ausbrechen. Doch es ist nicht mehr wie bei World of Warcraft. Es langweilt ihn, trotzdem kann er nicht aufhören. Er will weniger spielen. Doch ohne PC ist sein Leben noch leerer. Kontakte in der realen Welt hat er kaum noch. „Wenn Spielen dein Lebensinhalt ist, ist es schwer, mit irgendwem ein Gespräch anzufangen, der nicht spielt.“

Nach dem ersten Gespräch mit Gabi Lauck dachte Max, in zwei Wochen ist all das erledigt. Das ist jetzt vier Monate her. Aufgehört zu spielen hat er nicht. Und das ist auch nicht sein Ziel. Max will lernen, das Spielen zu kontrollieren. Um sich abzulenken, geht er raus, läuft durch die Straßen und fotografiert alte Häuser. Er mag, dass sie nicht perfekt sind.

Die letzte Woche sollte er gar nicht spielen, zur Entwöhnung, das hat ihm Lauck gesagt. Sechs Tage lang klappt es, dann kommt der Sonntag. Max steht morgens auf, er hat nichts zu tun, es regnet, er schaltet den Computer an. Als er aufblickt, ist es dunkel. Max hat 13 Stunden gespielt.

Christina Hertel

Internetsucht – Die wichtigsten Fragen und Antworten

Kann man tatsächlich süchtig nach dem Internet werden?

Ob exzessiver Internetkonsum mit einer Drogensucht verglichen werden kann, ist nicht eindeutig geklärt. Die „Internetsucht“ ist bis jetzt noch nicht als Sucht anerkannt. Zu unrecht, meint Psychologe Klaus Wölfling, der die Ambulanz für Spielsucht an der Uni-Klinik Mainz leitet. „Wir haben festgestellt, dass bei Internet- und Alkoholsüchtigen das Belohnungssystem im Gehirn auf gleiche Weise aktiviert wird.“ Der Psychologe Jörg Petry, Projektleiter der Allgemeinen Hospitalgesellschaft für pathologisches Glücks- und PC/Internetspielen, sieht das anders: „Am PC vergessen die Betroffenen zwar die Realität um sich herum, aber das ist kein Rauschzustand.“ Anders als bei stofflichen Suchtmitteln wirke das Spielen im Internet nicht direkt auf das Gehirn. „Online-Spieler gehen völlig in ihrer Handlung auf. Sie interagieren mit ihrem Avatar und erleben ein Hochgefühl. Das kann man nicht mit anderen Süchten vergleichen.“

Ab wann wird das Internet gefährlich?

„Heikel wird es, wenn die Menschen mehr als 30 Stunden in der Woche im Internet verbringen“, sagt Psychologin Merlin Halbach, die am Isar-Amper-Klinikum in Haar Internetsüchtige behandelt. Die Dauer ist aber nicht das einzige Kriterium. „Es muss auch ein sogenanntes Dichotomie-Verhalten vorhanden sein.“ Das heißt, die Betroffenen nehmen sich online kompetenter wahr als in der Realität. Im Netz können sie alle Probleme lösen, in ihrem Leben nicht.

Sind nur Spiele problematisch?

Die meisten fühlen sich nach Spielen im Internet süchtig. Aber auch soziale Netzwerke und pornografische Seiten können zum Problem werden.

Wie sieht die Therapie aus?

Im Isar-Amper-Klinikum dauert eine Therapie sechs bis acht Wochen. Die Patienten dürfen nur am Abend und am Wochenende nach Hause. Am Anfang verpflichten sich die Patienten mit einem Vertrag dazu, während der Behandlung auf PC und Internet zu verzichten. „Danach sollen sie sich schrittweise an das Netz gewöhnen“, sagt Halbach. Die Patienten müssen außerdem die Accounts ihrer Spiele löschen. Wenn die Therapie im Klinikum abgeschlossen ist, gehen die meisten Abhängigen noch längere Zeit zu einem Psychologen.

Wer bezahlt die Behandlung?

Exzessiver Internetgebrauch gilt als eine Verhaltensauffälligkeit. Deshalb übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Behandlung. 

Gibt es Rückfälle?

„In etwa drei von vier Fällen erleben unsere Patienten einen Rückfall“, sagt Psychologin Halbach. Die Quote sei etwa so hoch wie bei einer anderen Sucht.

Wo kann ich mich melden, wenn ich internetsüchtig bin?

„Für ein erstes Gespräch ist es gut, wenn man sich bei einer Beratungsstelle meldet, zum Beispiel bei Condrobs“, sagt Halbach. Die Beratung ist kostenlos und unter 089 / 388 37 66 erreichbar. Auch Angehörige werden dort beraten. Es ist aber auch möglich, direkt im Isar-Amper-Klinikum unter 089 / 456 20 anzurufen

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Draußen fotografieren im Winter: Extra-Akku mitnehmen
Der Schnee lockt viele Hobby-Fotografen ins Freie. Dabei sollten sie bedenken, dass sich die Akkus im Winter schneller leeren. Aufzupassen ist auch bei der Rückkehr ins …
Draußen fotografieren im Winter: Extra-Akku mitnehmen
Neue WhatsApp-Funktion: Was künftig passiert, wenn Sie das Handy schütteln
Klingt im ersten Moment seltsam, das neue Feature, das eine Beta-Version von WhatsApp ankündigt: User sollen künftig eine neue Funktion nutzen können, wenn sie ihr Handy …
Neue WhatsApp-Funktion: Was künftig passiert, wenn Sie das Handy schütteln
Teamviewer unsicher: Auto-Update aktivieren
Mit Fernwartungs-Softwares wie Teamviewer können andere auf den eigenen Rechner zugreifen, um zum Beispiel Hilfe zu leisten. Dieser praktische Support kann aber auch …
Teamviewer unsicher: Auto-Update aktivieren
Welche Daten soziale Netzwerke sammeln
Die großen Internetdienste werden oft als Datenkraken bezeichnet - weil sie meist tatsächlich viele Informationen sammeln, etwa um personalisierte Werbung anzeigen zu …
Welche Daten soziale Netzwerke sammeln

Kommentare