Internet-Handel mit Selbstmordpillen

- Wuppertal - Ein nordrhein-westfälischer Partyveranstalter hat gestanden, über das Internet mit tödlichen Medikamenten für Selbstmörder gehandelt zu haben. Er habe sein Tun, durch das sechs Menschen gestorben sein sollen, als Hilfestellung empfunden, bereue es heute aber dennoch sehr.

Das ließ der 23-jährige Angeklagte in einer Erklärung beim Prozessauftakt vor dem Wuppertaler Landgericht von seinen Anwälten verlesen. Er ist wegen schweren Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz angeklagt, ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Der Selbstmordversuch seiner Ex-Freundin habe ihn auf die Idee gebracht, so die Ausführungen. Er habe die junge Frau in letzter Minute gerettet, dafür aber nur Vorwürfe von ihr geerntet. Über einschlägige Internetseiten, die seine Freundin besucht hatte, sei er dann auf den Gedanken gekommen, sich als Fachmann für Gifte und einen "sauberen Abgang" auszugeben. Durch die "Sogwirkung der Selbstmordforen im Internet" sei der Angeklagte in eine irreale Welt versetzt worden, erklärten die Verteidiger.

Sieben der 19 Medikamenten-Empfänger fielen nach Angaben der Staatsanwaltschaft bis zu eine Woche lang ins Koma - mit teilweise gravierenden gesundheitlichen Folgen. Fast 8000 Euro, zwei Laptops und eine Digitalkamera soll der Angeklagte für seinen Medikamenten- Mix aus Beruhigungsmitteln und Anti-Epileptika erhalten haben.

Als Medizin-Student "mit einem Apotheker als Freund" hatte sich der 23-Jährige ausgegeben: "Ich kenne mich mit den Sachen bestens aus", prahlte er unter seinen Pseudonymen "Buddha" und Paul de Vitt. Reihenweise gab er Tipps für den perfekten Suizid und erwarb sich so den Ruf eines Experten. Die Fahnder fanden seitenweise Internet- Protokolle auf dem Computer des 23-Jährigen im Haus seiner Eltern.

Den Unterlagen zufolge hatte der Angeklagte in einzelnen Fällen aber von der Einnahme der Pillen abgeraten und eine Therapie nahe gelegt. Auch mit Anti-Depressiva ("Verschafft euch ein Dauergrinsen") versuchte er, bei den Lebensmüden ins Geschäft zu kommen. Wer die gefälschten Rezepte besorgte, mit denen er die Medikamente in Apotheken erstand, wollte er aber nicht verraten.

19 bis 39 Jahre alt waren die Empfänger der Gift-Pakete, die dem "Sterbehelfer" zwischen 100 und 800 Euro bezahlten. Insgesamt soll der Angeklagte fast 1700 Pillen verschickt haben. Das Geschäft mit einem 46-jährigen Düsseldorfer, der 1500 Euro zahlen sollte, kam nicht mehr zu Stande.

Dass er sich dabei strafbar machte, sei ihm durchaus bewusst gewesen, räumte der Wuppertaler ein. So ließ er das Geld auf Konten von Bekannten einzahlen. Seine Kunden forderte er auf, die Medikamentenverpackungen vor dem Selbstmord verschwinden zu lassen, damit man ihm nicht auf die Schliche kommen konnte.

Ein junger Mann aus Eberswalde in Brandenburg hatte bereits Leichenflecken an den Beinen, als er halb tot in einem Hotel entdeckt wurde. Mit mehreren Operationen mussten Ärzte bereits abgestorbenes Fleisch entfernen. Sein Fall brachte die Ermittlungen gegen den Wuppertaler schließlich ins Rollen. Obwohl sich der 21-Jährige bei dem Pillenverkäufer gemeldet und von seinem Martyrium berichtet hatte, brachte der Party-Veranstalter noch mindestens ein weiteres Paket mit dem von ihm angepriesenen Medikamenten-Mix auf den Weg.

Das tagelange Leiden des 21-Jährigen sei "ein Schock" für ihn gewesen, und er habe deswegen beschlossen, seine Geschäfte einzustellen, beteuerte der Wuppertaler am Freitag. In der kommenden Woche sollen auch die Überlebenden der Gift-Cocktails im Gerichtssaal zu Wort kommen.

Die Verteidiger des Mannes haben angekündigt, das Verfahren notfalls bis vor den Bundesgerichtshof zu tragen. Die Beihilfe zum Selbstmord sei nicht strafbar. Das Arzneimittelgesetz solle die Verbraucher vor schädlichen Medikamenten schützen. Seine Anwendung tauge wenig, wenn es erklärtes Ziel eines mündigen Verbrauchers sei, sich umzubringen. Der Fall werfe in der Tat "eine Reihe von Rechtsfragen auf", erwiderte der Vorsitzende Richter Ralph von Bargen.

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