Die Welt am Netz: Als 1969 in einem kleinen Test der Grundstein für das heutige Internet gelegt wurde, ahnte noch niemand, wie sehr das World Wide Web unser Leben beeinflussen würde. Inzwischen steht längst fest, dass wir noch lange nicht am Ende sind.

40 Jahre Internet: Wie Unmögliches möglich wurde

New York - Vor 40 Jahren legten US-Wissenschaftler den Grundstein für das heutige Internet. Was danach kam, war eine rasante Entwicklung, mit der am Anfang kaum jemand gerechnet hätte – genauso wenig wie mit den Schattenseiten.

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Sie hatten da eine Idee. Sie wollten ein offenes System schaffen, wollten Computer miteinander vernetzen, um Informationen auszutauschen. Es sollte ein kleiner Test werden an jenem 2. September 1969. Die Wissenschaftler um Len Kleinrock an der Universität von Kalifornien ahnten noch nicht, was sie mit diesem kleinen Test auslösen würden.

Exakt 40 Jahre später ist klar, dass mit der neuen Offenheit der Grundstein für das heutige Internet gelegt wurde – und auch für viele weitere Entwicklungen. Dennoch scheint nun diese Offenheit zu schwinden. Das Internet erlebt offenbar eine Midlife-Crisis. Heute kann man zwar fast überall online gehen, aber: Künstliche Barrieren gefährden das Wachstum des Netzes immer mehr.

„Der normale Internetnutzer hat mehr Freiheit zu spielen und zu kommunizieren“, sagt Jonathan Zittrain, Rechtsprofessor und Mitgründer des Berkman Zentrums für Internet und Gesellschaft. „Allerdings gibt es einige beunruhigende längerfristige Trends, die auf die Kontrolle von Informationen zielen“ – etwa Spam und Hackerangriffe: Sie zwingen die Betreiber von Netzwerken zu verstärkten Kontrollen. Autoritäre Regime blockieren in ihren Ländern den Zugang zu vielen Websites und Angeboten. Wirtschaftliche Überlegungen fördern Vorgehensweisen, mit denen Konkurrenten ausgeschlossen werden. Begonnen hatte alles noch ganz anders.

Rund 20 Leute kamen einst in Kleinrocks Labor zusammen – um zu sehen, wie durch ein fünf Meter langes, graues Kabel sinnlose Testdaten zwischen zwei riesigen Rechnern hin und her wanderten. Es war der Beginn eines Netzwerks, das den Namen „Arpanet“ bekam. Rund einen Monat später schloss sich das Forschungsinstitut der Universität Stanford an, bis zum Jahresende 1969 folgten die Universitäten Santa Barbara und Utah. In den 70er-Jahren kamen dann die Kommunikationstechniken für E-Mail und „TCP/IP“ hinzu – „TCP/IP“ ist die Abkürzung für „Transmission Control Protocol und Internet Protocol“, also eine Protokoll-Kombination. Damit konnten sich nun mehrere Netzwerke zusammenschließen – und das Internet bilden.

In den 80er-Jahren wurden schließlich die Adress-Systeme mit Endungen wie .com oder .org entwickelt, die auch noch heute im Einsatz sind. Es dauerte aber noch rund ein Jahrzehnt, bis das Internet auch beim Otto Normalverbraucher zu einem Begriff wurde: Der britische Physiker Tim Berners-Lee entwickelte das „World Wide Web“, eine Unterform des Internets, die den Zugriff auf verschiedene Quellen im Internet einfacher machte. Anbieter wie „America Online“ brachten dann zum ersten Mal Millionen von Menschen ans Netz.

Anfangs gab es auch keine Vorschriften oder wirtschaftlichen Einschränkungen. Es war ja alles neu, alles unbekannt. „Für den größten Teil der Geschichte des Internets gilt, dass niemand je davon gehört hatte“, sagt Rechtsprofessor Zittrain. „Damit hatte das Internet auch Zeit zu zeigen, dass es wirklich funktioniert.“

Selbst die US-Regierung, die den Großteil der frühen Entwicklung des Internets als Militärprojekt finanzierte, kümmerte sich kaum darum. So konnten die Techniker ihr Ideal eines offenen Netzes durchsetzen. Als Berners-Lee das World Wide Web entwickelte und es freigab, brauchte er niemanden um Erlaubnis zu fragen – und musste sich auch nicht um Firewalls kümmern, also um sogenannte „Brandwände“, die heute jede unbekannte Art des Internetverkehrs als verdächtig einstufen.

Auch die Verbreitung pornografischen Materials, die schon sehr bald begann, führte zu gewissen Innovationen – etwa bei Bezahlsystemen oder bei Videoübertragungen. „Erlaube einen offenen Zugang und tausend Blumen werden blühen“, sagt US-Wissenschaftler Kleinrock heute. „Im Internet wird man immer wieder von Programmen überrascht, die man nicht erwartet hat.“ Doch dieser Idealismus schwindet.

Der jüngste Konflikt zwischen Google und Apple zeigt zum Beispiel sehr deutlich, wie Barrieren entstehen: So erlaubt Apple (genauso wie andere Hersteller) auf seinem iPhone nur Programme, die explizit zugelassen wurden. Ein Google-Kommunikationsprogramm bestand diesen Test offenbar nicht – und wurde prompt ausgeschlossen. Kritiker vermuten dahinter aber ein bisschen mehr: Nämlich den Versuch, den rivalisierenden Telefondienst von Google vom iPhone fernzuhalten.

Ein anderes Beispiel sind die Versuche mancher US-Internetdienstanbieter, ihren Kunden den Zugang zu bestimmten „File-Sharing-Diensten“ zu erschweren. Übersetzt bedeutet das: Es wird eine bestimmte Art des Datenverkehrs bevorzugt – oder eben ausgeschlossen. Diesem Treiben hat die US-Kommunikationsbehörde (FCC) aber nun ein Ende gesetzt. Der Vorfall führte letztlich dazu, dass der Ruf nach einer gesetzlichen Regelung laut wurde, die eine „Netz-Neutralität“ gewährleisten soll. Trotzdem will heute niemand mehr auf gewisse Kontrollen und Filter verzichten: Spam-Mails aussortieren, Hackerangriffe verhindern – das muss alles funktionieren. Denn mit seinem rasanten Wachstum hat das Internet schon längst auch „kriminelle Elemente“ angezogen, die das Netz für ihre Zwecke missbrauchen. Der Abbau aller Schranken würde die Probleme nur größer machen.

Ziel der Internet-Techniker ist es nun also, Barrieren aufzubauen, sie aber zugleich nicht so groß werden zu lassen: Man will ja neue Ideen nicht unterdrücken, sondern ihnen zumindest die Chance geben, sich zu beweisen. Eine andere Möglichkeit gebe es nicht, sagen Experten: Wie sollen wir sonst erfahren, welche Möglichkeiten das Internet noch hat?

mm/ap

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