Jungbrunnen aus dem Becher

- Eine Frau steht verloren vor dem Kühlregal im Supermarkt - in jeder Hand einen Joghurt. Vor ihr türmt sich ein bunter Berg aus Bechern, Gläsern und Fläschchen. Darauf stehen Worte mit "Pro", "aktiv" oder unverständliche Kürzel aus Buchstaben und Zahlen. Alle versprechen sie gesunden Genuss: Das Immunsystem soll gestärkt, Allergien verhindert, die Jugend verlängert werden. Doch halten die Gesundmacher ihre Versprechen? Die Frau schüttelt unschlüssig den Kopf.

Gesundes Image nicht nur geschickte Werbestrategie

Vor 20 Jahren war der Griff nach dem Joghurt noch einfach. "Erdbeer oder Heidelbeere?" - mehr gab es kaum zu entscheiden. Wer den sauren, bröckeligen Magermilchjoghurt nicht mochte, konnte den stichfesten Naturjoghurt kaufen. Doch vor elf Jahren kam ein neuer Joghurt auf den Markt. Probiotisch, "für das Leben", stand darauf. Lebende Milchsäurekulturen in der weißen Masse sollen den Darm auf Trab bringen. Gesundheit ist ein Produkt, zu kaufen an der Supermarktkasse, lautete die Botschaft der Hersteller. Sie kam an. Der probiotische Joghurt löste einen Boom aus.

"Bakterien sind aber in jedem Joghurt enthalten", sagt indessen Professor Dirk Haller vom Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin. Sie wandeln den Zucker aus der Milch (Lactose) in Milchsäure (Lactat) um. Die probiotischen Kulturen, zum Beispiel spezielle Bifidobakterien oder Lactobazillen, können allerdings mehr: "Sie sind besonders widerstandsfähig und überleben sogar den Angriff der Magensäure", sagt Haller. "Sie siedeln sich im Darm an und schützen vor Krankheitserregern." Allerdings nur, wenn man die Joghurts regelmäßig esse.

Das gesunde Image ist demnach nicht nur geschickte Werbestrategie. Aussagekräftige Studien gibt es jedoch kaum, "zumal man noch nicht einmal weiß, was die normale Darmflora macht", so Haller. Experten schätzen, dass in den Windungen des Darms bis zu 1000 Bakterien-Arten zusammenleben.

Die Werbung mit Gesundheit sieht der Ernährungsexperte daher kritisch: "Die Hersteller müssen dafür Nachweise haben." Zudem gebe es viele Trittbrettfahrer, die den Namen Probiotikum nicht verdienen. Denn der Begriff ist nicht geschützt.

Die Probiotika haben auch bereits Folgeprodukte auf den Markt gebracht. Geworben wird immer häufiger mit Zusätzen wie Oligofructose oder Inulin, so genannte Prebiotika: Das sind Kohlenhydrate, die der Körper nicht verwerten kann - Nahrung für probiotische Bakterien im Dickdarm. Sie sollen sich dadurch stärker vermehren.

Für die Hersteller bedeutet der Trend zum "Functional Food", zur Nahrung mit gesundheitsfördernden Zusätzen, auch eine Extraportion Umsatz. Probiotische Joghurts sind nicht billig. "Der Grund liegt in der aufwändigeren Kultur dieser Bakterien", sagt Manfred Huss, Diplom-Ingenieur vom Lehrstuhl für Lebensmittel- und Molkereitechnik. Die Herstellung selbst unterscheidet sich dagegen kaum: Der Fettgehalt der Milch wird festgelegt und Milchpulver zugesetzt: Dadurch wird der Joghurt cremiger. Die homogenisierte Masse wird in gigantische Säuerungstanks gepumpt. Bei Temperaturen um 40 Grad sind Milchsäurebakterien am aktivsten und senken den pH-Wert: Die Säure lässt das Milcheiweiß gerinnen und dickt die Milch an.

Am Ende wird aus dem Joghurt oft ein Fruchtjoghurt. Nicht immer ist das gut für die Gesundheit. Denn oft heißt das: viel Zucker, Farbstoffe, wenig Früchte und umso mehr Aromen.

So kann der fettärmste Joghurt zur Kalorienfalle werden. Wer sich gesund ernähren will, sollte daher genau auf die Zutatenliste achten. "Denn alle Inhaltsstoffe müssen genau deklariert werden", sagt Huss. Das erleichtert auch die Entscheidung. Denn gesund ist Naturjoghurt auf alle Fälle - auch ohne Probiotika.

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