Jungbrunnen und Liebestrank

- Kaum hat Johanna den Fernseher ausgeschaltet, lässt sie ein Geräusch aufhorchen. "Ist jemand im Haus?" Ihr Herz schlägt schneller. Kalter Schweiß steht ihr auf der Stirn. Mit feuchten, zittrigen Händen öffnet sie die Tür zum Flur. Immer bereit zur Flucht. Was uns kalte Schauer über den Rücken jagt, sind Hormone.

Gebildet in Drüsenzellen der Hirnanhangdrüse des Gehirns, der Bauchspeicheldrüse oder der Nebennieren strömen die winzigen Boten mit dem Blut durch den ganzen Körper und lösen Stress, Lust oder Glücksgefühle aus. Um ihre Befehle weiterzugeben, müssen sie den richtigen Adressaten finden. Als Erkennungszeichen dienen ihnen Rezeptoren, spezielle Oberflächenmoleküle der Zielzellen. Hier docken die Hormone an und lösen eine Abfolge von Signalen in der Zelle aus.

Hormon-Therapie kann Krebszellen wecken

Im Alter sinkt die Konzentration vieler Hormone. Die Folge: Die Knochen werden spröde, Kraft und Potenz lassen nach. Pillen als künstlicher Ersatz bringen ewige Jugend -das glauben zumindest die Anhänger der Anti-Aging-Medizin. Wachstumshormon soll Muskeln und Testosteron die Libido erhalten. "Ich halte das für einen unkontrollierten Feldversuch", warnt Professor Martin Reincke, Direktor des Klinikums Innenstadt der LMU, vor den Nebenwirkungen: "Diabetes und Tumorwachstum können die Folge sein."

Zu Hormonpillen greifen aber auch Frauen in den Wechseljahren. Östrogene und Progesteron sollen gegen Hitzewallungen, Schlafstörungen und Depressionen helfen. Doch die Therapie ist umstritten: Nach einer 2002 abgeschlossenen Langzeitstudie in den USA ist das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall um fast 25 Prozent erhöht. Hormone können zudem Tumorzellen wecken, die unbemerkt im Körper ruhen. Das ergab die ebenfalls in den USA durchgeführte Nurses’ Health Beobachtungsstudie. Frauen, die mehr als 20 Jahre Östrogene einnahmen, erkrankten rund 40 Prozent häufiger an Brustkrebs. Experten empfehlen deshalb eine möglichst kurze Behandlungsdauer. Viele Frauen halten auch pflanzliche Hormonpräparate für eine gute Alternative. Doch davon rät Reincke ab: "Phytoöstrogene wirken kaum besser als ein Scheinmedikament."

Soll Frau in den Wechseljahren also doch Hormonpillen schlucken? Was passiert, wenn die Therapie nach mehreren Jahren abgebrochen wird? Das soll eine Studie am Humanwissenschaftlichen Zentrum (HWZ) der LMU München klären. "Wir wollen herausfinden, ob sich die Lebensqualität verschlechtert, wenn die Frauen auf die Medikamente verzichten", so Studienleiterin Dr. Ulrike Härtel. Die Teilnehmerinnen, die zwischen 55 und 69 Jahre alt sein müssen, werden dazu in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine wird ihre Pillen wie gewohnt einnehmen, die andere ein wirkungsloses Scheinmedikament bekommen. Wer teilnehmen will, kann sich bei Dr. Härtel melden. (Tel. 089/ 218 07 56 42 oder E-Mail: ursula. haertelmed.uni-muenchen. de).

Probleme gibt es nicht nur in den Wechseljahren, wenn das komplexe Hormonsystem aus der Balance gerät. Fehlt Insulin, leidet der Patient an Diabetes. Ein niedriger Östrogenspiegel führt oft zu Osteoporose. Depressionen und Zwangshandlungen sind die Folge von Serotonin-Mangel. Doch nicht nur dann: Bei Verliebten sinkt die Konzentration des Glückshormons Serotonin auch um rund 40 Prozent. Kein Wunder, dass sie sich seltsam verhalten. Ist der Liebesrausch vorbei, bindet das Kuschelhormon Oxytocin die Partner aneinander. Streicheln und Sex setzen große Mengen frei. Wenn der Blutdruck sinkt und der Puls langsamer wird, entsteht ein Gefühl von Geborgenheit. Während Oxytocin langsam wirkt, kommen andere per Eilpost. Adrenalin macht den Körper innerhalb von Sekunden bereit für Flucht und Kampf. Der Blutdruck steigt und das Herz schlägt schneller. Gehirn und Muskeln werden so optimal versorgt. Der Blutzuckerspiegel steigt. Denn der Körper mobilisiert alle Energie-Reserven, um schnell reagieren zu können. Denn wer weiß, was hinter der Tür lauert?

Weitere Infos: Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (www.endokrinologie.net)

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