Im Kampf mit dem Teufel

- Schuld ist vor allem das Bild der Menschen von einem Allmächtigen, der kein "lieber Gott" ist. Die Menschen des europäischen Mittelalters sind zu über 90 Prozent ungebildete Bauern, denen in Kirchen gepredigt wird, ein gottgefälliges Leben zu führen. Über allem steht die göttliche Ordnung der Dinge, überwacht vom Klerus und durchgesetzt von weltlichen Fürsten als von Gott eingesetzten Vollstreckern.

Auch die Bürger der Städte erleben sich nach Ansicht des Bielefelder Professors Wolfgang Schild, einem Experten für mittelalterliches Strafrecht, vor allem als "Sakralgemeinschaft".

Sünden entfachen den Zorn Gottes und verlangen nach Buße, um die göttliche Ordnung wiederherzustellen. Die Menschen sehen in Gott nicht den "Geist der Liebe", sondern den "richtenden und strafenden Gott" des Alten Testaments.

Dabei stehe der Allmächtige "im fortwährenden Kampf mit dem Teufel". Entweder ist man als Mensch mit ihm oder man schlägt sich auf Satans Seite. Wer dies tut, muss also vernichtet werden. 

Die im Spätmittelalter (13./ 14. Jh.) übliche "peinliche", d.h. schmerzhafte Befragung ist selber keine Strafe, sie schafft durch das erwünschte Geständnis vielmehr die Grundlage dafür. Denn im Mittelalter gelten durchaus "hohe Beweisanforderungen", sagt Günter Jerouschek, Fachmann für Strafrechtsgeschichte an der Uni Jena. "Wenn es nicht mindestens zwei Augen- oder Ohrenzeugen einer Tat gibt, kann der Verdächtige nicht bestraft werden." Dann muss ein Geständnis her.

Gottes Zorn besänftigen

Natürlich sind durch Folter erzwungene Geständnisse nach heutigen Maßstäben unbrauchbar und äußerst ungerecht. Doch das Mittelalter kennt "nur das Recht, das von Gott oder gottbegnadeten Herrschern stammt und schon deshalb auch gerecht ist", sagt der Jurist Wolfgang Schild.

Strafen sollen den Missetäter nicht etwa zurück auf den Pfad der Tugend führen, sondern die beschädigte göttliche Ordnung wieder herstellen. Es geht um Vergeltung, nicht um Resozialisierung. Wer einmal straffällig geworden ist, gehört nicht länger zur Gemeinschaft der Ehrbaren.

Nicht getöteten Verurteilten soll man den Rechtsbruch lebenslänglich ansehen. Augenfällig erfüllen Verstümmelungen diesen Zweck. Meineidigen hackt man die Schwurhand ab; Brandstifter, Falschmünzer und Diebe werden geblendet.

Nach mittelalterlichem Verständnis ist Gottes Zorn oft nur durch schlimmste Todesstrafen zu besänftigen. Allein so lässt er die Menschheit nicht insgesamt büßen -durch Landplagen wie Pest und Cholera. Auch wenn das Errichten der Galgen an belebten Orten als Warnung dienen soll, geht es nicht um Abschreckung allein.

Wichtiger ist, dass es in der gefahrvollen Welt des Mittelalters "niemals um den Menschen" geht, wie Schild sagt, sondern "zutiefst um Gott und um die Beziehung zu ihm als dem vergeltenden Gott.

Dass Menschen des Mittelalters sich am qualvollen Tod eines Sünders auf dem Marktplatz weiden, entspringt einerseits schierer Schaulust. Doch sie gaffen laut Schild auch "aus einer Leidenschaft am Triumph des Guten, aus dem man wieder Kraft für das eigene armselige Leben schöpfen kann".

Indem die verletzte Ordnung Gottes durch die Schmerzen des Gepeinigten geheilt und dies quasi als moralisches Lehrstück erfahrbar wird, nimmt die Welt wieder ihren rechtmäßigen Lauf -so entsetzlich dies heute klingen mag.

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