Kein fließend Wasser, aber Internet - Computerrevolution in Indien

- Bagalore - Es begann mit der Entscheidung der indischen Regierung, die Grundbücher, die Landbesitz dokumentieren, auf Computer umzustellen. Doch was sich daraus entwickelt hat, revolutioniert das Dorfleben in Indien, dem nach China bevölkerungsreichsten Land der Welt. Internetdienste auf Dorfebene machen das Leben leichter.

<P>"Sie haben zwar noch kein fließendes Wasser, aber das 21. Jahrhundert der Kommunikation", sagt Rajeev Chawla stolz.</P><P>Als Beauftragter der Provinzregierung im Bundesstaat Karnataka hat er das so genannte Bhoomi ("Land")-Projekt vorangetrieben. Es trägt sich selbst durch bescheidene Benutzergebühren und braucht keine Entwicklungshilfegelder. Auf der Armutskonferenz der Weltbank Ende Mai in Schanghai wird Chawla das Bhoomi-Projekt als erfolgreiches Modell im Kampf gegen die Armut vorstellen.</P><P>Prasad (58) ist Landbesitzer und an diesem Tag ins Bhoomi-Büro in Maddur, rund 100 Kilometer südwestlich von Bangalore gekommen. "Es ist alles ganz einfach geworden. Ich weiß, dass ich in einer halben Stunde mit den nötigen Papieren hier rauskomme", sagt er. Prasad will auf seinem Land ein Haus bauen und braucht die Genehmigung dafür. Früher war das anders: ein lokaler Beamter hatte die Kontrolle über die Grundbücher. Er war für mehrere Dörfer zuständig und den Mann zu finden, konnte Tage dauern. "Speed money" - Schmiergeld - war meistens nötig, um ihm auf die Sprünge zu helfen.</P><P>Bestechungsgelder machten es auch leicht, die Grundbucheinträge zu ändern. Vieles war mit Bleistift eingetragen. Inder brauchen ihren Grundbuchauszug, der auch aktuelle Information über die Aussaat und den Ertrag der letzten Saison enthält, mindestens drei Mal im Jahr, für Agrarkredite zu Beginn jeder Erntesaison und für die Schlechtwetterversicherung zum Beispiel.</P><P>Heute sind die 20 Millionen Parzellen in Karnataka mit einer Bevölkerung von 60 Millionen Menschen per Computer erfasst. Im Bhoomi-Büro kann sich jeder seine Papiere ausdrucken lassen. "Die Mittelsmänner sind weg", sagt Chawla. Der Grundbesitzer zahlt 15 Rupien (rund 30 Cents) pro Auszug. Nach einer Weltbankstudie sparen die Bauern in Karnataka eine Milliarde Rupien (rund 20 Millionen Euro) im Jahr an Bestechungsgeldern. Weil die Einträge nicht mehr manipuliert werden können, haben Bauern Besitzsicherheit und können auf ihrem Grund und Boden ganz anders investieren.</P><P>Doch erweist sich das Geschäft mit den Grundbuchauszügen inzwischen auch als Initialzündung für ganz andere bahnbrechende Initiativen. Die Regierung erlaubt kleinen Internetkiosken auf Dorfebene Zugriff auf die Daten.</P><P>Zum Beispiel Suman Kumar (34). Er hat seinen kaum drei Mal drei Meter großen Verkaufsstand gerade im Dörfchen Sabhnur aufgemacht. 60 000 Rupien hat er in Computer investiert. Neben den Grundbuchauszügen für zehn Rupien schreibt er für Interessierte auch E-Mails an Verwandte im Ausland für 5 Rupien. Rund 20 Schülerinnen nehmen zwei Stunden am Tag an Computerkursen teil - für 100 Rupien im Monat.</P><P>Das neueste: "Für 200 Rupien gibt es bei mir in Kürze Ferndiagnosen für Kranke", sagt Kumar. Eine Webkamera nimmt den Patienten auf, die Bilder schaut ein Arzt in einer Klinik 100 Kilometer weiter an. Bisher musste der Kranke die lange Reise auf sich nehmen, konnte nicht arbeiten und zahlte mindestens das Fünffache für ärztliche Dienste.</P><P>Internetzugang und Technologie stellen Privatfirmen zur Verfügung, die Kumar monatlich bezahlt. Er rechnet unter dem Stich mit einem Einkommen von mehr als 3000 Rupien im Monat. Nicht schlecht, verglichen mit einem Durchschnittslohn für Farmhelfer von 60 Rupien am Tag.</P><P>Die Weltbankkonferenz in Shanghai stellt mehr als 70 Ideen wie das Bhoomi-Projekt vor. Die Absicht: Regierungen können von den Erfahrungen anderer lernen und Projekte kopieren. Die Weltbank setzt sich mit Nachdruck für die Jahrtausendziele ein, die die Vereinten Nationen beschlossen haben. Das erste ist, die Zahl der Menschen, die mit weniger als einen Dollar am Tag auskommen müssen - heute rund 1,2 Milliarden - bis 2015 auf die Hälfte zu reduzieren.</P>

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