Killer-Virus hat Konjunktur

- München - Ein flüchtiger Händedruck genügt, um den Erreger zu übertragen. Das Virus befällt zuerst die Atemwege, bildet in jeder Zelle innerhalb von sechs Stunden 1500 Tochterviren. Sie breiten sich explosionsartig im Körper aus, verursachen hohes Fieber, Kopfschmerzen und schweren Husten, der zu einer Lungenentzündung führen kann.In Deutschland sterben jedes Jahr bis zu 8000 Menschen an Grippe. Obwohl aus Frankreich gerade die nächste Welle anrollt und deutsche Ärzte dringend zu Schutzimpfungen raten, beschäftigt sich die Republik mit einer Gefahr von gestern: Das seit 30 Jahren ausgerottete Pocken-Virus ist zurück - zumindest in den Schlagzeilen.

<P>Die Angst kam aus Amerika: In der Medienkampagne für einen Krieg gegen den Irak behauptete das Weiße Haus, Saddam Hussein verfüge über Pockenstämme aus alter russischer Produktion. Sicherheitsexperten schenken der Warnung wenig Glauben.</P><P><BR>"In München ist es wahrscheinlicher, von einem Asteroiden erschlagen zu werden, als sich mit Pocken zu infizieren." Jan van Aken, Biowaffen-Experte</P><P>Der Bundesnachrichtendienst (BND) listet zwar tonnenweise chemische und biologische Waffensubstanzen des Irak auf - von Milz- und Weizenbrand über den Hautkampfstoff S-Lost bis zu den Nerven-Killern Sarin und Tabun. Doch von Pocken keine Spur. Entsprechend fassungslos waren die Pullacher Aufklärer, als ausgerechnet die Bundesgesundheitsministerin vor einem Pocken-Attentat aus dem Irak oder Nordkorea warnte. SPD-Ministerin Ulla Schmidt baute im Bundestag offenbar gezielt eine Drohkulisse auf, um den Finanzminister zur Anschaffung des Impfstoffs zu bewegen. Gestern ruderte Schmidt zurück, stellte klar, es gebe "keine gesicherten Erkenntnisse", dass Bagdad über Pockenviren verfügt.<BR><BR>Bayerns Verbraucherminister Eberhard Sinner (CSU) spricht wie Innenminister Otto Schily (SPD) von einer "abstrakten Gefahr". Vom Bund fordert Sinner eine "seriöse Bedrohungsanalyse": Die Regierung dürfe unangenehme Informationen nicht unter der Decke halten. "Das erweckt den Eindruck einer Glaubwürdigkeitsruine."<BR><BR>Experten bezweifeln, dass die Regierung Tatsachen unterschlägt. "Unglaublich und unverantwortlich" nennt der Biowaffen-Experte Jan van Aken die Pocken-Panik in Politik und Medien. "In München ist es wahrscheinlicher, von einem Asteroiden erschlagen zu werden, als sich mit Pocken zu infizieren", so der promovierte Zellbiologe gegenüber unserer Zeitung. Der aktive Virus lagere zu Forschungszwecken nur noch in zwei Hochsicherheitslabors in Amerika und Russland. Auch wenn der Schaden durch eine Pocken-Epidemie in Europa theoretisch "extrem hoch" sein könne, gelte das tatsächliche Risiko eines Ausbruchs als "sehr gering".<BR><BR>Dennoch entwerfen Politiker von CDU und SPD bereits das Horror-Szenario von islamischen Selbstmord-Attentätern, die sich selbst mit Pocken infizieren und diese in Fußballstadien in Umlauf bringen könnten. Die renommierte Mikrobiologin Kathryn Nixdorff mahnt zur Sachlichkeit: Die Ausbringung der Viren sei sehr schwierig. "Ein an Pocken erkrankter Selbstmordkandidat, der die Bevölkerung einer Großstadt infiziert - das funktioniert nicht", sagt die Biowaffen-Expertin. Eine Ansteckung sei erst im Endstadium möglich, wenn die Patienten so geschwächt seien, "dass sie ihr Bett nicht mehr verlassen können". Jeder Erkrankte infiziere höchstens zwei Menschen in seiner näheren Umgebung.<BR><BR>Die Angst ist größer als das Risiko. Davon profitiert die Pharma-Firma "Bavarian Nordic" in Martinsried bei München - Hersteller der bekannten Pocken-Impfsubstanz "Elstree". Die Regierung hat für die Bundesländer vorab elf Millionen Impfdosen bestellt und eine Million Einheiten des moderneren Impfstoffs MVA. Das große Geschäft kommt noch: Bis 2004 will Berlin für die 82 Millionen Bundesbürger insgesamt 100 Millionen Einheiten ordern. Der Aktienkurs von "Bavarian Nordic" stieg seit Herbst um mehr als 40 Prozent.<BR><BR>Der Kaufrausch an der Pocken-Front täuscht darüber hinweg, dass geeignete Impfstoffe Mangelware sind: Das Präparat "Elstree" entspricht im Prinzip der 30 Jahre alten Rezeptur und kann heftige Nebenwirkungen auslösen. Von einer Million Geimpften sterben zwei, 15 tragen bleibende Schäden davon. Das moderne Mittel MVA geht erst im Sommer in Martinsried in Erprobung.<BR><BR>Damit im Notfall zumindest irgendein Stoff zur Verfügung steht, kaufte der Bund in der Schweiz sechs Millionen Impfdosen aus Uraltbeständen. Die Firma Biotech kassierte 150 Millionen Euro für die Ladenhüter, die mangels Nachfrage früher oder später als Sondermüll hätten entsorgt werden müssen.<BR></P>

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