Kinder sind im Chat oft Freiwild für Pädophile

- Hamburg - Kinder sind im Internet häufig Freiwild für Pädophile. Vor allem die Chaträume für Kinder und Jugendliche werden nach Ansicht von Experten von Pädophilen genutzt, um Kontakte anzubahnen.

"Die Anmache ist oft unverblümt mit Fragen wie "Schon mal Sex gehabt?" oder "Haste schon Titten?"", berichtet die Mitbegründerin des Jugendschutzvereins NetKids, Beate Schöning. Die Angesprochenen sind Kinder, die mitunter das Teenager-Alter noch nicht erreicht haben. Oft werden selbst Elf- und Zwölfjährige aufgefordert, Nacktfotos an ihren Chatpartner zu schicken, wie es jüngst im Fall einer heute 13-Jährigen aus dem Kreis Gütersloh bekannt wurde. Ihr Gesprächspartner hatte die Bilder im Internet verbreitet.

"Das ist sicher kein Einzelfall", erklärt Jörg Pecanic von der Ansprechstelle Kinderpornografie beim Landeskriminalamt Niedersachsen. Die Chaträume werden seinen Kenntnissen zufolge verstärkt von Pädophilen zur Suche nach Opfern genutzt. Doch nur wenige Fälle werden bei der Polizei angezeigt, obwohl die sexuelle Belästigung strafbar ist. Zudem finden die Dialoge häufig im Privat- Chat statt, der sich der Kontrolle von Moderatoren entzieht.

Experten unterscheiden zwei Vorgehensweisen der Pädophilen in den Chats. Einige machen den Kindern und Jugendlichen direkt und unverblümt sexuelle Avancen. Viele gehen aber auch subtil vor, geben sich freundlich, um über längere Zeit das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Auf diese Weise versuchen sie an Fotos zu gelangen oder gar ein Treffen zu arrangieren. Einige dieser Erwachsene tarnen sich im Online-Gespräch als Kinder.

So machen sich viele Pädophile die ungebrochene Beliebtheit der Chats bei Kindern und Jugendlichen zu Nutze. Jeder vierte junge Internetnutzer klickt sich mehrmals pro Woche in die virtuellen Quasselbuden, wie eine Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (MPFS) ergab. Die Hälfte der jungen Chatter gab an, beim Plaudern belästigt worden zu sein: Schon bei den 12- und 13-Jährigen hatte jeder Dritte laut der Untersuchung solche Erfahrungen gemacht. Bei einer Online-Umfrage berichteten sogar 160 von 200 Kindern von sexuellen Belästigungen, sagt die Medienpädagogin Ulrike Behrens. "Vor allem in dem Moment, wo man sich als Kind in den großen Chats zu erkennen gibt, wird man von Pädokriminellen angesprochen."

Von der Anmache seien Jungs genauso betroffen wie Mädchen, erklärt Schöning. "Es gibt eine große pädophile homosexuelle Szene und auch Frauen mit pädophilen Neigungen." Doch vor allem Teenager sind gefährdet, da sie selbst eine sexuelle Neugier entwickeln und Kinder- Chats, in denen es mitunter verschärfte Zugänge und Kontrollen gibt, für sie eher uninteressant sind.

Und viele junge Internetnutzer geben leichtfertig ihre Daten an unbekannte Gesprächspartner weiter. "Die Kinder geben im Chat oftmals alles von sich preis, weil sie glauben, es sei ein geschützter Raum", sagt Schöning. Dass ihre Daten und Bilder von Pädophilen gesammelt und getauscht werden, sei ihnen nicht klar, weiß sie aus Gesprächen in Schulklassen und mit Chatpartnern. In der MPFS-Studie gab fast ein Viertel der jugendlichen Chatter an, Name, Adresse oder Telefonnummer nach Aufforderung weitergegeben zu haben.

Die Experten raten Kindern und Jugendlichen dringend, im Chat solche Angaben nicht preiszugeben und sich nicht mit Fremden zu einem realen Treffen zu verabreden. Nach Angaben von Schöning sollten Kinder frühestens ab dem Alter von zwölf Jahren unter Begleitung der Eltern ans Internet herangeführt werden. Das Internet schon in Grundschulen oder gar im Kindergarten zu nutzen sei nicht sinnvoll: "Man füttert die Kinder in der Grundschule an und überlässt sie Zuhause sich selbst vorm PC", kritisiert sie und mahnt die Eltern: "Sprecht mit euren Kindern über Sex bevor es ihr "Chatfreund" mit ihnen tut."

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