Tod des Klassikers: Den Brockhaus soll es bald nur noch online geben

Kassel - Bei Alexander von Humboldt stand er im Regal, bei Otto von Bismarck und Konrad Adenauer ebenso und dazu noch seit Generationen in Hunderttausenden deutschen Haushalten: Die Brockhaus-Enzyklopädie war zwei Jahrhunderte so etwas wie die Bibel des deutschen Bildungsbürgertums und geradezu sprichwörtlich für Wissen.

Doch die edlen Buchrücken im Regal oder das Schmökern im Ohrensessel, bei dem man beim Nachschlagen eines Begriffs auf ein Dutzend weitere stößt, gehört wohl bald der Vergangenheit an: Das berühmteste deutsche Nachschlagewerk soll es künftig nur noch online geben.

Von der noblen 30-bändigen Enzyklopädie zum werbefinanzierten Gratisangebot im Internet - für den Mannheimer Traditionsverlag Brockhaus ist das ein "Paradigmenwechsel", wie Sprecher Klaus Holoch sagt. "Das tut natürlich auch ein bisschen weh, wir lieben ja alle Bücher. Aber unsere Königssubstanz bringen wir künftig ins Internet, weil die Zukunft online ist."

"Für uns ist das eine traumhafte Nachricht", sagt Arne Klempert von Wikipedia. Dass die kostenlose, von ihren eigenen Nutzern erarbeitete Online-Enzyklopädie den altehrwürdigen Brockhaus sturmreif geschossen hat, mag er nicht hören: "Für uns wird das keine großen Auswirkungen haben. Aber für unseren Verein, der sich der Förderung des Wissens verschrieben hat, ist das eine tolle Nachricht, wenn mehr Wissen allen zugänglich ist." Eine überfällige Nachricht: "Wir leben in so spannenden Zeiten, dass Printlexika einfach nicht mehr funktionieren." Bei Wikipedia drücke man den Mannheimern "ganz ehrlich alle Daumen".

Die 21. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie - sie war zur Frankfurter Buchmesse 2005 mit viel Pomp auf den Markt gekommen -verkaufte sich zu schleppend. Das Minimalziel von 20 000 Exemplaren sei verfehlt worden, berichtet Holoch: "Die 21. Auflage hat sich jetzt schon nicht gerechnet. Man stellt sich die Enzyklopädie zwar schon noch ins Regal - aber es gibt leider zu wenige, die das tun." Auch eine Sonderedition von Armin Müller-Stahl konnte den Verkauf nicht ankurbeln. "Wir haben die Herzen der Menschen und die Medien erreicht, aber nicht die Käufer."

Allein aus Prestigegründen könne der Verlag keine neue Auflage herausbringen: "Wir sind sehr skeptisch, ob es eine 22. Auflage geben wird." Der Verlag hat einen Verlust von mehreren Millionen Euro für 2007 angekündigt. Das Geschäft mit Duden, Schulbuch und Kalendern laufe dagegen gut, sagte Holoch. Auch Themenlexika wie etwa "Brockhaus Wein" seien sehr erfolgreich.

In den vergangenen sechs, sieben Jahren habe der klassische Lexikon-Markt bereits gebröckelt. "Jetzt scheint das Internet den absoluten Durchbruch geschafft zu haben." Dass der Verlag die Kehrtwende zu spät vollzogen habe, bestreitet Holoch. Bei der Vorbereitung des Online-Angebots sei der Verlag aber "von der Marktentwicklung überholt" worden. Und: "Beim Print-Thema wollten wir wirklich alles probiert haben."

Rund 60 Mitarbeiter in der Leipziger Online-Redaktion kümmern sich nun um das neue Produkt. Meyers Lexikon - es gehört ebenfalls zum Verlag Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG - sei bereits seit einem guten Jahr online: "Das war unser Testfeld, und es hat sich gut entwickelt." Doch die Konkurrenz ist groß. In dieser Woche ist auch "Spiegel Wissen" online gegangen, mit dem auf Wikipedia, das BertelsmannLexikon und sämtliche Artikel des "Spiegel" und zum Teil des "Manager-Magazins" kostenlos zurückgegriffen werden kann. Wir glauben, dass wir damit nicht nur den Lesern, sondern auch dem "Spiegel" den größeren Gefallen tun", sagt Ressortchef Hauke Janssen.

Eine besondere Stellung beansprucht Brockhaus aber weiter für sich: "Wir werden uns klar von Anbietern wie Wikipedia unterscheiden. Wir setzen auf Relevanz, Richtigkeit und Sicherheit - wir werden nicht manipulierbar sein." Eine Kritik, die man bei Wikipedia erwartungsgemäß ungern hört: "Es kann keine hundertprozentige Garantie für hundertprozentige Richtigkeit geben", sagt Klempert. "Die entscheidende Frage ist, wie schnell Fehler erkannt und beseitigt werden." Und da sorge die große Autorenschar bei Wikipedia für einen "Selbstreinigungseffekt": "Oft nach Minuten, spätestens nach wenigen Stunden sind Fehler korrigiert."

Eine Selbsteinschätzung, die von Experten nach Tests mit Wikipedia bestätigt wurde: Bei mehreren Vergleichen mit der Encyclopedia Britannica und auch dem Brockhaus zeigte sich die kostenlose Volksenzyklopädie als ebenbürtig - und manchmal sogar als überlegen.

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