Vom Klavierspiel, das krank macht

- Der dritte Finger scheint wirklich uncorrigibile", schrieb der Komponist Robert Schumann am 13. Mai 1832 in sein Tagebuch. Sein Mittelfinger tat nicht mehr was er wollte. Zu diesem Zeitpunkt litt Schumann an einer so genannten fokalen Dystonie, umgangssprachlich Musikerkrampf genannt. Dystonien äußern sich in unkontrollierten Muskelkrämpfen, die ganz unterschiedliche Körperteile betreffen können.

<P>Die Hände sind es beim Musikerkrampf, der so genannte Schiefhals bewirkt, dass der Kopf nicht mehr normal gedreht werden kann. "Beim Musiker sind die Ursachen in monotonen, stereotypen Bewegungen zu finden. Tägliches Üben führt im Gehirn zu Veränderungen", sagt Prof. Andres Ceballos-Baumann, der als Chefarzt im Neurologischen Krankenhaus München Dystoniker behandelt.<BR><BR>Monotonie führte auch bei Leon Fleisher zur Dystonie. Fleisher, ein international bekannter Pianist, erkrankte mit 35 Jahren: Finger Nummer vier und fünf seiner rechten Hand verkrampften sich während dem Spiel, rollten sich ein. Die Karriere schien beendet. "Damals, Mitte der 60er Jahre kannte man das Leiden praktisch nicht. Selbst heute ist die Krankheit noch viel zu unbekannt", berichtet der Pianist.</P><P>Die Dystonie wird leicht mit Spastik verwechselt. Während Letztere durch Muskel-Überaktivität entsteht, ist die Dystonie eine neurale Erkrankung: Die Reize, die von den Tastsensoren der Hand über das Rückenmark ins Gehirn weitergeleitet werden, werden in der Großhirnrinde nicht mehr richtig verrechnet. Jeder Finger einer Hand ist in der Großhirnrinde durch ein benachbartes Areal repräsentiert, bei Dystonie sind diese Bereiche (Basalganglien) verschmolzen. Aber nicht jeder, der kräftig übt oder stundenlang dieselbe Bewegung ausführt, bekommt Dystonie. Die Genetik spielt dabei, wie so häufig, eine Rolle. Der eine ist prädestiniert, der andere nicht.</P><P>Ein besonderes Problem der Erkrankung, von der auch viele Telegraphisten im frühen 20. Jahrhundert betroffen waren, ist die Angst vor der Öffentlichkeit. "Betroffene werden häufig stigmatisiert", meint Professor Ceballos-Baumann und berichtet, dass rund 40 von 10 000 Einwohnern an Dystonien leiden. "Oftmals unerkannt. Die meisten Formen kennen wir auch noch nicht."<BR><BR>Behandelt wird der Muskelkrampf am wirksamsten mit dem Nervengift Botox. Das Medikament wird in den hyperaktiven Muskel injiziert und löst die Verkrampfung. Die Behandlung muss allerdings alle drei Monate wiederholt werden. <BR><BR>Lexikon aktuell:<BR>Fokale Dystonie tritt nur in definierten Körperbereichen auf. Wie etwa Lid, Hände, Hals. Die generalisierte Dystonie betrifft die Muskulatur des gesamten Körpers.</P>

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