"Klein-Italien" am Mittleren Ring

- Bekannt ist das Wohnheim am Biederstein unter den Münchner Studenten vor allem wegen seiner legendären Faschingspartys. Zur "fünften Jahreszeit" tummeln sich stets Scharen von Maskierten in den Kellergängen der vier Häuser in Schwabing. Unter ihnen auch Stefanie Hingerl. Die 24-jährige Studentin der Kommunikationswissenschaften wohnt seit drei Jahren im nördlichsten Gebäude der Wohnanlage, dem Atriumhaus.

Das Atrium, der dreistöckige überdachte Innenhof in dem 1954 gebauten Haus, ist umgeben von roten Backsteinmauern. Über an allen vier Seiten umlaufende Galeriegänge gelangen die 51 Bewohner direkt vom Innenhof in ihre Zimmer. Zwischen den Geländerstreben haben einige ihre Wäsche aufgehängt. "Als ich hier reinkam, dachte ich sofort an einen Innenhof in Italien", schwärmt Hingerl.

"Little Italy" heißt die Wohnanlage auch auf der Homepage des Studentenwerks. Sitzt man auf der Wiese hinter dem Haus, hört man die Grillen zirpen, und das Geräusch der Autos auf dem nicht weit entfernten Mittleren Ring klingt nahezu wie Meeresrauschen; so ist die Illusion vom Urlaubsparadies fast perfekt.

Studiert, natürlich, das werde hier auch, versichert Stefanie Hingerl. Wenn auch gelegentlich unter erschwerten Bedingungen, wie sie berichtet: "Ich muss schon ab und zu mit Ohrstöpseln lernen, wenn auf der Wiese vor meinem Balkon wieder mal gefeiert wird."

Solche Einschränkungen nehme sie aber gerne in Kauf, sagt die Studentin aus der Nähe von Straubing. Wer allein wohne, der habe schließlich beim Essen in der Küche keine Gesellschaft und könne auch nicht spontan auf der Terrasse mit seinen Zimmernachbarn über Politik reden.

Wie umfassend das Gemeinschaftsleben am Biederstein ist, verdeutlicht auch Katharina Pichler, Wohnheim-Tutorin im Atriumhaus. Da gebe es jedes Semester das Neu-Einzügler-Essen und die Bewohner-Vollversammlung, ja sogar gemeinsame Urlaubsreisen - wie letztes Jahr nach Tunesien. Gefordert sei aber auch das Engagement eines jeden. "Wir haben zum Beispiel einen Waschmaschinen- und Staubsauger-Wart", erklärt Pichler.

Schriftliche Verordnungen, wie das Gemeinschaftsleben ablaufen soll, gibt es nicht. Dafür aber "ungeschriebene Regeln", wie Hingerl betont. Dass es da auch zu Reibereien, zum Beispiel über den Küchendienst oder bei der Faschings-Organisation, komme, sei ganz normal. "Man wohnt hier mit Leuten, die man sich nicht ausgesucht hat; da hat eben jeder andere Vorstellungen", meint sie.

Ein Student, der nur seine Ruhe haben und konzentriert studieren wolle, der werde es am Biederstein sicher schwer haben, sagen Stefanie Hingerl und Katharina Pichler übereinstimmend. Die Bewohner des Atriumhauses wollen deshalb ein Schreiben über das Leben am Biederstein verfassen, das ihre künftigen Mitbewohner vorab über das Studentenwerk erhalten. So könne man falschen Erwartungen und Enttäuschungen auf beiden Seiten vorbeugen, meint Hingerl.

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