Als Klinsi für die "Yids" stürmte

- Als Jürgen Klinsmann für Tottenham Hotspur stürmte, feierten ihn die Fans mit einem eigenartigen Sprechchor: "Jürgen war ein Deutscher,/Doch jetzt ist er ein Jud!" Mit diesem Ruf adoptierten die Anhänger den blonden Schwaben in ihre Familie der "Yids" - ein Schimpfwort für Juden, mit dem sich Tottenham-Fans selbst bezeichnen, ohne Juden zu sein.

Ein Kuriosum, über das sich am Institut für jüdische Geschichte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität viel erfahren lässt. Wie überhaupt über die heute fast unsichtbare jüdische Tradition im Fußball.

Lehrstuhlinhaber Michael Brenner organisierte bereits eine Tagung zum Thema. Der Professor erzählt auch von persönlichem Bezug: Sein Vater kickte einst bei Makkabi Krakau - in Polen lebten vor dem Zweiten Weltkrieg viele Juden. "Die Auswahl des Vereins kam auch einem politischen Bekenntnis gleich", berichtet Brenner. Makkabi galt als bürgerlich, andere als sozialistisch. Die inneren Konfliktlinien verliefen an vielen Grenzen - etwa bekannte sich Makkabi nicht zum Jiddisch.

"Immer wahnsinnig stolz auf Hakoah Wien"

Schmierfett für jüdischen Sport lieferte um 1900 eine ideologische Figur in der selbstbewussten zionistischen Bewegung: der "Muskeljude" als Gegenbild zum blassen, den Talmud studierenden "Nervenjuden". Max Nordau schrieb: "In der Enge der Judenstraße verlernten unsere armen Glieder, sich fröhlich zu regen." Auf dem Sportplatz sollten die Glaubensbrüder sich stählen.

In Wien taten sie das mit solchem Eifer, dass eine Legende entstand: "Die ältere Generation war immer wahnsinnig stolz auf Hakoah", erinnert sich Brenner. Hakoah Wien, gegründet 1909, zahlte ordentliche Gehälter, stellte eine spielstarke, rein jüdische Mannschaft auf - und errang 1924/25 tatsächlich die österreichische Meisterschaft. In London besiegte Hakoah West Ham United mit 5:0 - der erste Sieg eines Teams vom Kontinent im Mutterland des modernen Fußballs. Als die Faschisten ans Ruder kamen, verglühte Hakoahs Stern.

Im Nationalsozialismus vergaß auch Fußballdeutschland seine Nationalspieler Julius Hirsch und Gottfried Fuchs. Reichspropagandaminister Goebbels löschte sie aus Büchern und Gedächtnis - obwohl Fuchs 1912 in einem Länderspiel zehn Tore schoss.

Journalisten, aber auch Brenner und seine Mitarbeiter holen die Geschichten zurück ins Licht. Sie passen gut ins Lehrstul-Profil. Brenner widmet sich bewusst "den nicht gängigen Bildern jüdischer Geschichte". Sie sei eben mehr als nur der Holocaust. Dass aus der Profi-Szene keine Unterstützung kommt, erzählt Brenner müde lächelnd. Ohne Erfolg fragte er beim lange Jahre vom jüdischen Präsidenten Kurt Landauer geführten FC Bayern an. 2005 vergab der den Blick in seine braune Vergangenheit scheuende DFB erstmals einen "Julius-Hirsch-Preis" - an die Bayern.

In Großstadtvereinen wie dem FC Bayern wirbelten vor dem Krieg viele Vertreter des assimilierten jüdischen Bürgertums. Anders als etwa bei Hakoah lebten die Spieler ihren Glauben nicht kämpferisch; sie wollten deshalb nicht auffallen. MTK Budapest trägt das "M" für "ungarisch" (magyar) im Namen - ein Bekenntnis des liberalen Bürgertums zum Nationalismus. In der Presse erntete das trickreiche MTK-Spiel dennoch Ressentiments: "keine ungarische Spielweise", hieß es - ein fremdländisch-berechnender Stil, nicht heißblütig wie Rivale Ferencvaros. In Wien galt die schön, gepflegt und "körperlos" spielende Austria als "Judenklub": Ein "Team des Gagenfußballs benebelt vom stickigen Kaffeehausdunst", schrieb 1928 eine Sportzeitung. Der Gegensatz: "Rapid wurzelt in der Bevölkerung."

Die Nazis löschten die jüdische Fußballkultur fast gänzlich aus. Der zionistische Körperkult besteht laut Brenner im israelischen Militarismus fort; an einer Fußball-WM nahm Israel bisher nur 1970 teil. Eine Brücke in die Nachkriegszeit schlugen Erfolgstrainer wie Bela Guttmann, einst Spieler bei Hakoah und MTK, der Benfica Lissabon zum Europapokalsieg führte. "Ich habe immer zwei Laster zu tragen, einmal weil ich überall ein Ausländer bin, zum anderen weil ich Jude bin", soll der Offensivfanatiker einmal gesagt haben.

MTK Budapest: "Keine ungarische Spielweise"

Heute lebt die Tradition im Antisemitismus der Hooligans weiter - und in Antworten darauf. Seit Jahren schwenken Fans von Ajax Amsterdam die Flagge Israels - als Reaktion auf judenfeindliche Sprechgesänge von Rotterdamer Fans. In der niederländischen Hauptstadt, von Bürgern liebevoll "Mokum", jiddisch für "Ort", genannt, waren jüdische Bürger immer stark verwurzelt - auch bei Ajax.

Seltsamer ist das Phänomen in London. "Da steckt der berühmte britische Humor mit drin", sagt John Efron, derzeit Gastprofessor an der LMU.

Tottenham ist ein Viertel mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil. Als in den 1970er-Jahren der Rassismus in den Stadien grassierte, ahmten gegnerische Fans zischendes Gas nach - das Zyklon B in den Vernichtungslagern. Die Tottenham-Fans konterten entwaffnend, indem sie sich selbst zu "Yids" erklärten - so wie Farbige die Beschimpfung "nigger" übernommen hatten. Nur, dass die "Yids" eben keine Juden sind. Vor allem ältere Juden, so Efron, "dulden das nicht"; er selbst findet das Umdrehen der Klischees witzig. Der Verein mit den meisten jüdischen Fans in London ist übrigens Arsenal.

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