Klonen ist, wenn eins zu zwei wird

- Dieser Hörsaal ist überfüllt. Erwachsene werden gebeten, den Saal zu verlassen und Kindern Platz zu machen, tönt es aus den Lautsprechern durch den Audimax der Universität Tübingen. Mit gesenktem Kopf verlassen Eltern und Großeltern den Saal. "Ich würde so gerne wissen, was hier passiert", schmollt eine Mutter. Doch die Veranstalter und ihre kleinen Zuhörer kennen keine Gnade: Die Kinder-Uni, in die heute 1000 Kinder gekommen sind, ist eben eine geschlossene Gesellschaft."Tschüss Mama!" sagt der zehnjährige Moritz noch. Dann wendet er sich wieder geschäftig seinem Schreibblock zu. "Ich will mal Forscher werden", kündigt der Viertklässler an. Auf dem Weg dahin soll ihn seine Mutter nicht länger aufhalten.

<P>Die Kinder-Uni in Tübingen kam dem angehenden Forscher gerade recht. Im vergangenen Jahr wurde sie von der Zeitung Schwäbisches Tagblatt und der Universität Tübingen ins Leben gerufen. </P><P><BR>Warum speien Vulkane Feuer? Warum lachen wir über Witze? Warum müssen Menschen sterben? Warum ist Schule doof? Auf diese Kinderfragen antworteten in der ersten Vorlesungsreihe Mineralogen, Kulturwissenschaftler, Pathologen und Erziehungswissenschaftler. In 45-minütigen kindgerechten Vorträgen. </P><P><BR>Moritz kann sich noch gut an die Vorlesung über die Vulkane erinnern. Der Professor hatte Vulkangestein mitgebracht. Und dann die Vorlesung des Pathologen über das Sterben. "Der Professor hat uns das Skelett von seinem Lieblingshuhn Goggel gezeigt."<BR><BR>Die Aktion zog die Kinder in Massen an, so dass auch in diesem Semester wieder die Kinder-Uni stattfindet. Und die funktioniert wie eine echte Uni: Die Kids erhalten einen Studentenausweis, mit dem sie in der Mensa essen gehen können. Für die Vorlesungen bekommen sie einen Schein. </P><P><BR> In der Uni ist es viel schöner als in der Schule. Da muss man nicht so viel aufschreiben. "Außerdem muss man nur das studieren, worauf man Lust hat", meint Moritz. Doch jetzt muss er sich konzentrieren.</P><P><BR>Heute steht die Frage: Warum darf man Menschen nicht klonen? auf dem Lehrplan. Die Dozentin ist eine Nobelpreisträgerin: Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin des Tübinger Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie. Sie wurde 1995 mit dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet für ihre Forschung zur embryonalen Entwicklung der Drosophila-Fliege. <BR>Doch das interessiert ihre kleinen Zuhörer jetzt herzlich wenig. Sie wollen wissen, was Klonen bedeutet und warum man Menschen nicht einfach klonen darf. </P><P><BR> Es zählt das gesprochene Wort, und das weiß Nüsslein-Volhard. Die Nobelpreisträgerin ist sichtlich nervös, immer wieder greift sie zur Wasserflasche. Wenn man aus Lebewesen das gleiche noch mal macht, das nennt man Klonen, sagt sie. Zunächst zeigt sie ihrem Publikum ein Bild von ihrer Katze Frieda und ihren fünf Jungen. "Sind die etwa geklont?", fragt die Dozentin, worauf ein lautes "Nein!" aus den tausend Kinderkehlen durch den Hörsaal schallt. </P><P><BR>"Richtig", so Nüsslein-Volhard, "die fünf Kätzchen unterscheiden sich alle von ihrer Mutter, obwohl sie sich so ähnlich sehen. Und doch, es gibt natürliches Klonen: Zum Beispiel der Süßwasserpolyp Hydra, der Knospen bildet, aus denen dann eine Kopie des Muttertiers entsteht. Oder der Wasserfloh, in dessen Bauch kleine Flöhe entstehen, die ins Wasser gelangen, weil das Muttertier eines Tages platzt."</P><P><BR>Mit einem Film zeigt die Biologin ihren kleinen Studenten, wie der Wasserfloh platzt und die Klone ins Wasser gelangen. <BR>Doch jetzt wird es schwierig: Künstliches Klonen passiert dann, wenn man aus einer Eizelle den Kern rausnimmt und einen neuen Kern reintut. Das sei ganz schön gefährlich. Man brauche ganz viele Versuche, bis es klappt.</P><P><BR> Als das Klonschaf Dolly auf dem großen Monitor erscheint, rufen viele Kinder: "Das kenn ich doch! Hab ich schon im Fernsehen gesehen!" "300 Versuche waren nötig, bis Dolly fertig war", erklärt Nüsslein-Volhard. Außerdem habe Dolly kürzer gelebt als normale Schafe. Bei Menschen sollte man das Klonen ihrer Meinung nach erst gar nicht versuchen. "Beim Klonen ist die Gefahr groß, dass Mist dabei rauskommt, kein gesunder Mensch. Wenn man Menschen klonte, würde es auf der Welt furchtbar langweilig werden. Wollt ihr etwa jemand sein, den es schon gibt?" fragt Nüsslein-Volhard in die Runde. "Nein!" schreien die Kinder. Die Vorlesung ist zu Ende. Begeistert klopfen die jungen Zuhörer auf ihre aufklappbaren Tische. Dass man in einem Hörsaal nicht klatscht, haben sie schon gelernt. </P><P><BR>"Hoffentlich haben die Kinder alles verstanden", sagt eine sichtlich erschöpfte Nobelpreisträgerin. Es sei schwierig, aus den vielen Informationen der Biochemie die wichtigsten kindgerecht zu präsentieren. <BR>Ihre Kollegen werden das bald selbst zu spüren bekommen. Ihre Vorlesungen heißen dann: Warum sind griechische Statuen immer nackt? Warum träumen wir? Warum fallen Sterne nicht vom Himmel?</P><P>"Also ich habe nicht alles verstanden", sagt Alexandra Pöppe, die sich als eine der wenigen Erwachsenen in die Kinder-Vorlesung geschmuggelt hat. "Ich schon!", ruft ihr Sohn, der siebenjährige Dominic. "Klonen ist, wenn eins zu zwei wird!"<BR> Zur Kinder-Uni in Tübingen kamen im Vorjahr über 5000 Kinder. Die Idee stieß in ganz Europa auf Resonanz: In Rom entstand gerade eine Kinder-Uni mit Beteiligung der Tübinger Professoren. Ableger sind auch in Basel und Stuttgart geplant. Auf der Insel Fehmarn gibt es seit Jahresbeginn eine Kinder-Uni, und in Berlin plant die Humboldt-Universität Kinder-Vorlesungen.</P>

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