Ein Knochenjob an der Uni

- Menschliche Knochen stapeln sich in den Kisten am Boden. Auf dem Tisch daneben sind Unterkiefer aufgereiht. Manchen fehlen die Zähne. Die sorgfältig beschrifteten Glaszylinder daneben enthalten ein beiges Pulver.

"Knochenmehl", erklärt Gisela Grupe, Professorin am Biozentrum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). "Das verwenden wir für unsere Analysen." Die alten Knochen und Zähne erzählen der Anthropologin die Geschichte der Menschen. Sie verraten ihr nicht nur Alter und Geschlecht. Sie erzählen auch von Zeiten des Hungers und der Krankheit. "Frühe Schriften berichten meist nur über Adel und Klerus", erklärt Gisela Grupe das Problem. "Die normale Bevölkerung bleibt in den Quellen unerwähnt."

Die Zähne verraten das Alter der Toten

Doch was in den Chroniken fehlt, finden die Wissenschaftler mit ihren Analysen heraus: Ein Schnitt durch die Zementschicht eines Zahns verrät ihnen, wie alt der Tote war, als er starb. Eine helle und eine dunkle Schicht stehen jeweils für ein Lebensjahr - ähnlich der Jahresringe eines Baumes. Zu zählen beginnen die Forscher an einer besonders dicken Linie. "Das ist der Zeitpunkt, an dem die Dauerzähne durchbrechen", erklärt Gisela Grupe, "dann ist man etwa elf Jahre alt".

Anhand der Kauwerkzeuge können die Anthropologen aber auch feststellen, was die Menschen gegessen haben. Oft sind die Zähne stark abgeschliffen und der Schmelz zerkratzt - in der Frühzeit bevorzugte man grobe Kost. "Karies gab es bis zu Beginn der Neuzeit praktisch nicht", sagt die Wissenschaftlerin. Die fasrige Pflanzennahrung hielt die Zähne frei von Belag. Erst als die Menschen begannen fein gemahlenes Getreide zu essen, bekamen sie Löcher.

Mit einem anderen Problem kämpfte man in den langen Wintern: Schnell waren die angelegten Vorräte aufgebraucht und die Menschen hungerten. Von den Zeiten der Not berichten ihre Knochen noch heute: Im Röntgenbild sieht man helle Streifen, die senkrecht zur Wachstumsrichtung verlaufen. "Harris-Linien", erklärt Gisela Grupe. "Sie entstehen, wenn der Knochen vorübergehend sein Wachstum einstellt." Besonders häufig entdecken die Anthropologen diese Zeichen bei den Kindern - sie starben besonders oft.

Unzählige fielen aber auch der Pest zum Opfer, die im Mittelalter in ganz Europa wütete. In zahlreichen Massengräbern hat der Schwarze Tod seine Spur hinterlassen. Doch wo es keine schriftlichen Zeugnisse gibt, lässt sich schwer beweisen, welche Krankheit hier gewütet hat.

Dem Team von Gisela Grupe ist der Nachweis jetzt gelungen: In einigen Skelettfunden aus einem Massengrab in Manching haben sie die DNA von Yersinia pestis gefunden, das Erbgut des Pesterregers. Kein einfaches Experiment: Denn nur wenige der alten Knochen enthalten noch genug DNA für die Analysen. "Die Erbsubstanz ist wasserlöslich und wird deshalb schnell herausgeschwemmt", erklärt die Anthropologin.

Weil schon kleinste Verunreinigungen das Ergebnis verfälschen können, arbeiten die Wissenschaftler im Reinstlabor. Kittel und Mundschutz sind hier Pflicht. Zwei Räume weiter sieht es wie in einer Werkstatt aus. Fräsen und Mühlen stehen auf den staubbedeckten Tischen. Hier werden die groben Arbeiten ausgeführt: Stücke aus den Knochen gefräst, entfettet und gemahlen.

Selbst Fleischesser und Vegetarier bleiben den Anthropologen von der LMU so nicht verborgen - das Knochenmehl verrät sie.

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