Konstantinopel: Aufstieg und Fall des zweiten Roms

- Hier herrschten sie einst - die Byzantiner. Hier am Bosporus, in der türkischen Hauptstadt Istanbul, die einst Konstantinopel hieß. Den Namen gab ihr der oströmische Kaiser Konstantin, der nach dem Sieg über seinen Mitkaiser Licinius ab 323 alleine über ein Imperium vom Atlantik bis nach Vorderasien, und vom Hadrianswall in Britannien bis zum Atlasgebirge in Nordafrika herrschte. 324 verließ er Rom und gründete an der europäischen Seite des Bosporus, auf dem Areal der damaligen Stadt Byzantium, die neue römische Hauptstadt.

<P>Ohne dieses "zweite Rom", das später Byzanz genannt wurde, wäre die Geschichte Europas anders verlaufen. <BR>Während das weströmische Reich langsam verfiel, entwickelte sich das oströmische Konstantinopel zu einer glanzvollen christlichen Metropole, die 1129 Jahre die Entwicklung der europäischen Kultur prägte. Bis die Stadt und das Reich, das Konstantin gegründet hatte, am 29. Mai 1453 durch den Sultan der Osmanen, Mehmet II., erobert wurde.</P><P>Wer heute in Istanbul nach bildnerischen Zeugnissen aus dem alten Konstantinopel sucht, hat es nicht leicht. Zwar haben einige Kirchen, die im osmanischen Reich in Moscheen umgewandelt wurden, überdauert. <BR><BR>Vom frühen Ostrom sind jedoch kaum Denkmäler erhalten. Die Reste der römischen Kaiserforen beschränken sich auf drei Säulen - darunter die um 328 aus Porphyrtrommeln errichtete Säule vom Forum des Kaisers Konstantin.<BR><BR>Der Hippodrom, auf dem einst Wagenrennen und Zirkusspiele stattfanden, lässt sich heute nur noch an den Umrissen des Atmeydam-Platzes ausmachen. Von den Denkmälern stehen noch der gemauerte Obelisk, der Schaft der Schlangensäule aus dem griechischen Heiligtum von Delphi und der um 390 aufgestellte Obelisk des Theodosius mit Reliefdarstellungen der Kaiserfamilie. Der Obelisk stand zuerst im Amuntempel der Ägypter in Luxor. <BR><BR>Unter den erhalten gebliebenen byzantinischen Kirchenbauten beeindruckt besonders die Hagia Sophia ("Heilige Weisheit") des Kaisers Justinian I.(527-565). In ihrer riesigen, nahezu schwerelos über dem freien Hauptraum schwebenden Zentralkuppel (56 Meter hoch, 31 Meter im Durchmesser, auf nur vier Säulen gestützt), ist alles mathematische und bautechnische Wissen der Antike konzentriert. <BR><BR>Diese Kirche überdauerte auch in ihrer künstlerischen Ausdruckskraft die Herrschaft der Osmanen, die sie für ihre eigenen Moscheen zum architektonischen Vorbild nahmen. Doch die Kunstschätze der Byzantiner überstanden die Kämpfe um die Stadt weniger gut. <BR><BR>Die schlimmste Zerstörung und Plünderung hatte Konstantinopel aber nicht unter den Osmanen, sondern durch die Kreuzfahrer aus dem Westen Europas zu erleiden. Diese brannten am 13. April 1204 gemeinsam mit den Venezianern die prächtigste Stadt der Christenheit nieder und raubten ihre Schätze. Berühmte Beutestücke aus dem Hippodrom: die bronzenen Pferde an der Kirche San Marco in Venedig. <BR><BR>Die Kreuzfahrer besiegelten durch ihr Verhalten die tiefe Entfremdung zwischen der westlichen und östlichen Christenheit. Doch konnte sich die byzantinische Kultur auch nach dem Fall Konstantinopels noch lange in den orthodoxen Gebieten, vor allem in Griechenland behaupten. </P><P>Die Welt der Byzantiner war von Bildern geprägt. Im Gegensatz zu profanen Alltagsdarstellungen herrschten aber bei christlichen Bildern am Ende eines langen Bilderstreits (726-843) genaue Regeln. Christus durfte nur dargestellt werden, da er Mensch geworden war. Das 7. Ökumenische Konsil 787 von Nikaia legte auch fest, dass die Bilder nur verehrt, nicht angebetet werden durften, doch werden sich wohl kaum alle Gläubigen danach gerichtet haben. Mosaike und Ikonen prägten die christlich-byzantinische Kunst, und sie beeinflussen bis heute das kirchliche Leben der orthodoxen Christen. Skulpturen wurden schon ab dem 5. Jahrhundert nicht mehr geschaffen, nur noch Reliefs auf elfenbeinernen Gedenktafeln. Mosaike, zusammengefügt aus kleinen Würfeln von leuchtend farbigem Glas oder mit Blattgold überzogen schmückten vor allem die Kirchen. Ikonen jedes Haus. Ob eine Ikone (griech. Abbild) aus Farben, Mosaiksteinchen oder anderen Materialien bestand, ob sie künstlerisch gestaltet war, spielte keine große Rolle. Die Darstellungen Christi, der Engel oder der Heiligen, mit bestimmten immer wiederkehrenden Ausdrucksformen, galten nur der Verehrung. Theodoros Studites (759-826), ein berühmter Abt in Konstantinopel, verglich in einem Brief die Ikone mit dem Abbild eines Gesichts im Spiegel, das nicht in der Materie des Spiegels enthalten ist und mit dem Betrachter verschwindet. Die dem Abbild gewährte Verehrung geht auf das Urbild über.<BR>Der künstlerische Wert von Ikonen und Mosaiken blieb daher zweitrangig, auch wenn viele Meisterwerke entstanden, die wir heute in Kirchen, Klöstern und Museen bewundern. <BR><BR>Lexikon aktuell<BR>Die Geschichte des Byzantinischen Reichs beginnt mit dem Jahr 330, als Kaiser Konstantin der Große die damalige Stadt Byzantium zur Hauptstadt des oströmischen Reichs ausrief und ihr den Namen Konstantinopel gab. Die Weichen zu dieser Entwicklung hatte der römische Kaiser Diokletian gelegt, als er das römische Imperium 286 in zunächst vier Herrschaftsgebiete mit zwei Kaisern und später noch zwei Unterkaisern teilte. Als der letzte Kaiser des römischen Reichs im Westen 476 durch die Germanen gestürzt wurde, bewahrte allein Ostrom mit Konstantinopel das römische Erbe. Von Byzanz sprachen erstmals Historiker im 16. Jahrhundert. Die Byzantiner selbst nannten sich jedoch Rhomaioi. <BR><BR>Buchtipp: Die Welt von Byzanz - Europas östliches Erbe.<BR>Ausstellungsband der Archäologischen Staatssammlung München, Hrsg. Ludwig Wamser, Theiss-Verlag Stuttgart, 39.90 Euro, ISBN 3-8062-1849-8<BR></P>

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