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Um dem Stress der modernen Arbeitswelt standhalten zu können, nehmen immer mehr Menschen Medikamente.

Konzentration aus der Pillendose

München - Mit der Angst steigt der Druck: Aus Sorge um ihren Arbeitsplatz gefährden immer mehr Berufstätige ihre Gesundheit. Sie gehen krank zur Arbeit und versuchen, mit Medikamenten ihre Leistung zu steigern.

Das Telefon klingelt, die nächste Sitzung wartet, der Arbeitstisch biegt sich unter den Aktenstapeln: So sieht heute der Alltag in vielen Berufen aus. Die Wirtschaftskrise verstärkt den Druck zusätzlich. Viele Arbeitnehmer fürchten, ihren Job zu verlieren, wenn sie nicht stets leistungsfähig sind. Eine Folge: Der Krankenstand sinkt. Derzeit befindet er sich auf dem historischen Tief von 3,24 Prozent. 1995 lag er noch bei 5,07 Prozent. Seither ist er mit kleineren Schwankungen kontinuierlich gesunken. „Aus der Sorge heraus, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, schleppen sich die Beschäftigten sogar krank zur Arbeit“, vermutet Annelie Buntenbach , Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

Viele Arbeitgeber sind darüber durchaus nicht unglücklich. Doch dürfte die Freude nicht von langer Dauer sein. So warnte Buntenbach vor „langfristig fatalen gesundheitlichen Folgen“. Verschleppte Krankheiten brächten den Unternehmen zudem auch massive finanzielle Folgekosten. Untersuchungen zeigen zudem: Wenn Berufstätige nicht zur Arbeit gehen, tun sie dies immer öfter aufgrund psychischer Probleme.

Der Druck, ständig Höchstleitungen zu bringen treibt die Menschen allerdings nicht nur krank in die Arbeit. Mit dem Stress steigt offenbar die Bereitschaft, nicht nur eine Tasse Kaffee zu viel zu trinken. Immer mehr Menschen greifen auch in die Pillendose. Das bestätigt auch eine Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse DAK: Demnach nehmen zwei Millionen Menschen manchmal Medikamente, um im Beruf leistungsfähiger zu sein. Etwa 800 000 greifen regelmäßig dazu. 20 Prozent der Arbeitnehmer finden es grundsätzlich akzeptabel, die Leistung mit Stimmungsaufhellern zu verbessern.

Für DAK-Chef Herbert Rebscher sind die Zahlen ein Alarmsignal. „Der Wunsch, immer perfekt sein zu müssen, lässt sich auch durch Medikamente nicht erfüllen“, mahnte Rebscher bei der Vorstellung der Studie. Beliebt beim Doping am Arbeitsplatz sind vor allem Medikamente, die eigentlich für Patienten mit Demenz, Depressionen, Hyperaktivität oder Narkolepsie entwickelt wurden. Die Mittel sollen wacher und konzentrierter machen. Experten sprechen auch von „Gehirndoping“ oder „Cognitive Enhancement“.

Für Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit zugelassen ist zum Beispiel der Wirkstoff Methylphenidat, bekannt unter seinem Handelsnamen Ritalin. Bei Gesunden wirkt es nicht etwa beruhigend, sondern soll die Konzentration und Lernfähigkeit fördern. Doch besteht große Suchtgefahr.

Beliebt, um das müde Gehirn auf Trapp zu bringen, ist auch Modafinil. Das Mittel wird bei Menschen mit Narkolepsie eingesetzt. Bei dieser Erkrankung werden die Patienten von plötzlichen Schlafattacken übermannt. Von 2005 bis 2007 hat sich die Zahl der Tagesdosen, die deutsche Ärzte ihren Patienten verschrieben, laut DAK-Report mehr als verdoppelt. Auch Mittel gegen Demenz oder Depressionen werden laut der Gesundheitskasse oft verschrieben, ohne dass die entsprechende Diagnose gestellt worden ist.

Der Rezeptblock des Arztes ist nicht der einzige Weg, um an solche Medikamente zu kommen. Immer mehr Menschen bestellen sie über das Internet – und gehen damit das hohe Risiko ein gefälschte, nicht selten gesundheitsschädliche Mittel zu schlucken.

Dies möchte eine Gruppe renommierter Wissenschaftler ändern: Im Dezember 2008 erschien in dem Fachblatt Nature ein Kommentar. Die sechs Autoren vergleichen Gehirndoping mit gängigeren Methoden, die Gedächtnisleistung zu steigern, wie etwa genügend Schlaf, lesen und üben. Sie beklagen, dass die Mittel nur einer kleinen Gruppe von Menschen zugänglich sei und fordern, den verantwortungsvollen Gebrauch zu legalisieren.

Doch Experten warnen: Erkenntnisse, was mit dem menschlichen Gehirn passiert, wenn man ihm regelmäßig biochemisch auf die Sprünge hilft, gibt es kaum. Sicher ist dagegen: Die Gefahr psychischer Abhängigkeit ist groß. Denn wer es gewohnt ist, Belastung nur nach dem Griff zur Pille auszuhalten, wird sich bald nicht mehr zutrauen, dasselbe aus eigener Kraft zu tun. Inwiefern die Mittel auch körperlich abhängig machen oder bei Dauergebrauch zu Schäden führen können, ist indes unklar.

von Sonja Gibis

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