Krank durch Kuscheltiere

- Sie sieht aus wie ein Kuscheltier aus einem Kinderzimmer, mit ihren schwarzen Knopfaugen, der rosa Nase und dem weichen Fell. Faktisch aber steht der Käfig mit der Schleichkatze in einem Forschungslabor. Die Experten wollen wissen, ob der pelzige Vierbeiner Erreger überträgt, die den Menschen krank machen können.

Vogelgrippe und Sars, Ebola und BSE -alle diese Krankheiten laufen in der Wissenschaft unter dem Begriff "Anthropozoonosen". Im Klartext: Es geht um Viren und Bakterien, Pilze und Parasiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen können. Rund 200 solcher Krankheitsbilder sind heute bekannt. Was in der Presse nicht selten mit dramatischen "Die Natur schlägt zurück"- Szenarien beschrieben wird, ist für Forscher längst Alltag.

Robert Koch war der Erste, der das Phänomen entdeckte: 1876 wies der damals 33-jährige Mediziner spezifische Erreger bei Schafen nach, die Milzbrand verursachen. Bis dahin hatte man geglaubt, die Seuche werde durch Gifte oder schlechte Gerüche (Miasma) in der Luft übertragen. Tatsächlich aber ist das Phänomen sehr viel älter. Experten gehen davon aus, dass mit dem gehäuften, engeren Kontakt zwischen Mensch und Tier -also seit etwa 10 000 Jahren, als der Mensch mit der Viehzucht begann -auch die Anthropo-zoonosen gekommen sind. Verbreitet haben die sich nicht zuletzt durch mangelnde Hygiene.

Eines der schlimmsten Beispiele ist die Pest, die durch Rattenflöhe übertragen wird. Doch so spektakulär muss es gar nicht sein: Die neusten Vogelgrippe- Fälle in Europa mö-gen die Schlagzeilen beherr-schen, doch hierzulande haben es die Mediziner vor allem mit Salmonellen und Campylobacter zu tun. Beide verursachen Durchfall. Erstere sind vielen bekannt, die im Sommer nicht durchgegartes Hühnchen essen und sich danach noch ein Tiramisu gönnen: Salmonellen werden vor allem durch Geflügel und Geflügelprodukte wie Eier übertragen.

Auch Tiere infizieren sich beim Menschen.

Nach Angaben von Jürgen Heesemann, Professor für Bakteriologie am Max-von-Pettenkofer-Institut in München, werden jährlich rund 80 000 Fälle von Salmonellose gemeldet. Weil nicht jeder bei Durchfall zum Arzt geht, dürfte die tatsächliche Zahl rund zehnmal höher liegen. Da nehmen sich die rund 120 Menschen, die sich mit Vogelgrip-pe infiziert haben, recht mickrig aus. Wobei kein Grund zur Verharmlosung besteht: Dass das Virus auf den Menschen überspringen kann, ist neu und macht den Forschern Sorgen. Denn bisher wurde der Erreger H5N1 -ein Subtyp des gleichen Virus, der die Grippe bei Men-schen auslöst -nur unter Federvieh weitergegeben.Dr. Brunhilde Schweiger, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Influenza vom Robert-Koch-Institut, stellt jedoch klar: "Es besteht kein Grund zur Panik." Freilich sind Anthropozoonosen keine Einbahn-Straßen. Nicht immer geht es um Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Rinder zum Beispiel haben sich wahrscheinlich den Tuberkulose- Erreger vom Menschen geholt und einen veränderten, für Menschen abgeschwächten Erreger entstehen lassen. "In einem solchen Fall ist eine Anthropozoonose gar nicht schlecht", erklärt Jürgen Heese-mann. "Früher waren die Melker, die mit den Tieren zu tun hatten, gegen die menschliche Tuberkulose immun, wenn sie durch die Rinder-Tuberkulose ,geimpft‘ waren." Weniger gut ging die Sache für die Arbeiter aus, die Schaf-Felle behandelten und sich Erreger von den Vierbeinern einfingen. Die Gerber starben nicht selten an Lungenmilzbrand, auch Hadernkrankheit genannt nach dem altdeutschen Ausdruck "Hadern" für Schaffell. "Durch strikte tierärztliche Kontrollen ist der Milzbrand heute in Deutschland ausgestorben", erklärt Jürgen Heesemann. Dafür ist ein anderer Faktor hinzugekommen: Durch Fernreisen können sich Anthropozoonosen sehr viel schneller ausbreiten als in Zeiten, zu denen man noch in der Postkutsche unterwegs war. "Per Flugzeug können Erreger quasi von einem Winkel der Erde in jeden anderen transportiert werden", sagt Jürgen Heesemann. Seine Kollegen vom Robert-Koch- und vom Max-Planck-Institut haben in einem Nationalpark an der Elfenbeinküste ein Forschungsprojekt eingerichtet, um wild lebende Affen zu unter-suchen.

In den Urwäldern lauern noch viele Krankheiten

Tierarzt Fabian Leendertz, der dort neben Verhaltensforschern und Mikrobiologen arbeitet, sagte gegenüber dem Fachblatt Viamedici: "Schon jetzt haben wir bei den Tieren einige Erreger entdeckt, von denen wir nicht wissen, welche Krankheiten sie beim Menschen auslösen können. In den Tiefen der Urwälder lauert aber sicherlich noch mehr, was auf uns überspringen möchte."

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