Krebs-Heilung ohne Rezept

- Die Chancen auf Heilung waren aussichtslos. Zwei Jahre lang hatte der Münchner Onkologe Lothar Böning seinen Patienten mit den Methoden der Schulmedizin behandelt. Doch den Schwarzen Hautkrebs konnte keine Therapie besiegen. Immer weiter fraß er sich durch den Körper. Der Tod schien unausweichlich. Doch dann geschah etwas, das sich Mediziner bis heute nicht erklären können: Die Metastasen verschwanden, ohne neue Therapie - ein medizinisches Wunder. Böning konnte seinem Patienten schließlich sagen: "Sie sind wieder völlig gesund."

Medizin leugnete Existenz von Spontanheilungen

Fälle dieser Art sind extrem selten, doch es gibt sie. Immer wieder begegnen Mediziner so genannten Spontanremissionen. Plötzlich wehrt sich der Körper gegen den Krebs. Er erholt sich, wird manchmal sogar wieder völlig gesund.

Schlüssige Erklärungen haben die Ärzte dafür bislang nicht. Lange leugnete die Wissenschaft solche "medizinischen Wunder" sogar. Die Diagnosen wurden als fehlerhaft abgetan oder ins Reich der Fantasie verbannt. Inzwischen akzeptieren auch Schulmediziner, dass Patienten manchmal auf wundersame Weise genesen. Doch viele diskutieren das Thema noch immer hinter vorgehaltener Hand. Eins steht für Böning immerhin fest: "Das Wunder ist immer der Patient. Es gibt keine Wunderheiler!"

Die Erklärungsversuche für Spontanremissionen sind vielfältig: Manche Experten glauben, dass das Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. Es kann Krebs bekämpfen. Doch ist bislang kein Standard-Abwehrmechanismus bekannt, der einsetzt, wenn das Immunsystem feindliche Krebszellen entdeckt hat. Nach heutigem Wissensstand sind erfolgreiche Schläge des Immunsystems gegen Krebs eher Zufallstreffer.

An der Medizinischen Klinik 5 in Nürnberg achtet man besonders wachsam auf spontane Krebsheilungen. Einen der eindrucksvollsten Fälle schildert der leitende Oberarzt der Klinik Josef Birkmann: Der Tumor einer 29-jährigen Patientin hatte sich vom Rippen- über das Zwerchfell in die Leber und Bauchhöhle gefressen. "Nach einer erfolglosen Chemotherapie gaben wir der Patientin Schmerzmittel und schickten sie nach Hause." Der Tumor schien nicht mehr zu stoppen. Zehn Jahre später war die Patientin wieder im Klinikum. "Wir trauten unseren Augen nicht", sagt Birkmann. Doch eine Röntgenaufnahme bewies: Wo einst der Tumor wucherte, waren nur noch harmlose Vernarbungen zu sehen.

Die Medizin-Geschichte der jüngsten Zeit allerdings zeigt: Was wie ein Wunder wirkt, kann bald wissenschaftlich erklärbar sein. "Bei einigen Heilungen glaubten wir in den 80er-Jahren, sie seien unerklärbar. Heute kennen wir die Ursache", sagt Birkmann. So bilden sich bestimmte bösartige Lymphom-Erkrankungen des Magens völlig zurück, wenn man mit Antibiotika ein Bakterium namens Helicobacter pylori ausrottet.

Die Chancen, dass sich Krebs spontan zurückbildet, lassen sich statistisch schwer fassen. Dr. Herbert Kappauf, niedergelassener Onkologe in Starnberg, sammelt seit Jahren Daten und wagt eine Schätzung: "Die Chancen einer Spontanremission liegen für häufige Krebserkrankungen wie Lungenkrebs oder Darmkrebs bei unter eins zu einer Million." Bei Schwarzem Hautkrebs schätzt er das Verhältnis auf eins zu vierhundert.

Rund 80 Prozent der Spontanremissionen seien nur Teilrückbildungen des Tumors, erklärt Kappauf weiter. Meist lebten die Patienten dann noch deutlich länger beschwerdefrei als von den Medizinern angenommen.

Dass die Einstellung zur Krankheit eine wichtige Rolle spielen kann, glaubt der japanische Kulturanthropologe Hiroshi Oda. Für seine Doktorarbeit am Uniklinikum Heidelberg befragte er 13 in Deutschland lebende Patienten, deren Genesung die Mediziner unter "Spontanremmission" einordneten. Er erkundigte sich bei den Betroffenen nach ihren Erfahrungen und Selbsteinschätzungen. Sein Fazit: Alle Patienten konnten Ressourcen mobilisieren, die den Gesundungsprozess förderten, vor allem Eigenschaften wie Zuversicht, Mut und Kampfgeist. Auch soziale Unterstützung hilft laut Oda bei der Genesung. Allerdings warnt Oda in seiner Studie davor, einen Bewältigungsstil wie etwa Kampfgeist als Therapie gegen den Krebs zu propagieren. Er betrachtet seine Ergebnisse lediglich als Denkanstöße für Psychologen, die Krebspatienten betreuen. "Ein Rezept, sich selbst zu heilen gibt es nicht."

Buchtipp: Herbert Kappauf: "Wunder sind möglich"; Herder Verlag, Freiburg; 19,90 Euro; ISBN 3-451-28108-2.

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