Krimis auf Schriftrollen

Handschriftexperte: - Eine alte Handschrift, die versteigert werden soll, ein Wissenschaftler, der Experte ist für Handschriften und auf dem Heiligen Berg Athos forscht ­- mehr braucht das Leben nicht, um einen Krimi zu schreiben. Die Handlung spielt in München Ende der 80er-Jahre und Dr. Erich Lamberz ist einer der Hauptdarsteller.

Der klassische Philologe wurde gebeten, in München eine wertvolle Schriftrolle zu begutachten. Sie stammte aus einem Grab des 15. Jahrhunderts, so hieß es zumindest. Doch das Expertenauge ließ sich nicht täuschen: eine glatte Lüge, lautete Lamberz‘ Urteil. Dies verriet ihm bereits der Holzgriff aus späterer Zeit. Doch war die Handschrift unzweifelhaft echt. Ein kostbares Stück aus dem 14. Jahrhundert.

"Textkritik ist eine kriminalistische Aufgabe"

Jetzt übernimmt der Zufall die Hauptrolle: "Die Schrift kam mir bekannt vor", erzählt Lamberz. Er hatte sie in den Bibliotheken des Athos kennengelernt. Der Forscher ging zur Polizei, die wandte sich an Interpol, das Außenministerium griff ein ­ auf dem Athos, wo die alte und junge Mönchsgeneration im Streit lagen, kam es zu einem Skandal. Ein Novize hatte Handschriften und Ikonen beiseitegeschafft, während der alte Bibliothekar Mittagsschlaf hielt.

Nicht immer ist das Leben eines Handschriftenforschers derart aufregend. Doch gibt es auch hier Fälle zu lösen. "Einen Text zu rekonstruieren, ist eine kriminalistische Aufgabe", sagt Lamberz. Denn auch Texte haben ein Leben. Ist es turbulent und währt zudem viele hundert Jahre, hinterlässt es auch bei ihnen Schmisse und Wunden. Lamberz versucht aufzuklären, wie dies geschah. Sein Fall lautet: Wie sah der Text im Original aus.

Auf Lamberz‘ Schreibtisch in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, in deren Auftrag er Konzilsakten herausgibt, stapeln sich Kopien. Ein Blatt ist mit gemeißelt-schönen Lettern bedeckt. "Eine herrliche Renaissance-Schrift", urteilt der Experte. Und wischt eine andere lachend beiseite: "Das ist so eine Sauklaue aus dem Mittelalter."

Die Texte der Handschriften sind Protokolle eines ökumenischen Konzils des 8. Jahrhunderts. "Darf man Bilder verehren oder nicht?" - das war die Frage, die damals die Kirchen umtrieb. Die Protokolle schildern den Streit und öffnen ein Tor in das Denken der sogenannten dunklen Jahrhunderte.

Um seine philologischen Kriminalfälle zu lösen, braucht Lamberz vor allem eines: Beharrlichkeit. Er vergleicht Handschriften, alte Ausgaben, untersucht Übersetzungen der griechischen Texte ins Lateinische. Am Ende steht die textkritische Ausgabe. Bis zu ihr vergehen Jahre. "Klingt nach Elfenbeinturm", sagt Lamberz. Doch ohne eine gute Textgrundlage sei seriöse Forschung nicht möglich.

Regelmäßig führt den Experten seine Arbeit zudem hinaus aus den Räumen der Residenz.

Dann bricht Lamberz auf, um sich fern von München in dunklen Bibliotheken zu vergraben. Seit 35 Jahren arbeitet er in den Klöstern des Bergs Athos in Nordgriechenland. Ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft brachte ihn in das mönchische Reich, das keine Frau betreten darf.

Die uralten Bibliotheken des Athos bergen Schätze. Lamberz untersucht und katalogisiert sie. Auf seinem Tisch liegt ein dicker Band frisch aus der Druckerei. Er versammelt die Schriften im Kloster Vatopedi.

Nicht immer machten die Bewohner des Athos dem Forscher seine Arbeit leicht. Das änderte sich nach dem Münchner Krimi. Die Mönche empfingen die gestohlenen Schätze mit einem Fest ­ und auch den, der den Fall aufgedeckt hatte. "Seitdem habe ich dort unbegrenzte Möglichkeiten", sagt Lamberz. Und das heißt nicht, die wertvollen Bücher zu besitzen. Es ist die Möglichkeit zu forschen, ungestört und ohne Druck der Zeit. Um den Blick in die Vergangenheit zu schärfen, die aus den alten Schriften unmittelbar zu uns spricht.

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