Kugeln gegen Krebs

- Hellwach liegt der Patient auf dem Behandlungstisch, zugedeckt mit einem blauen Tuch. Er ist ruhig und sieht gelassen dem entgegen was um ihn herum passiert. Erst als ihm der Radiologe, Professor Maximilian Reiser, ein Beruhigungsmittel spritzt, fällt er in einen leichten Dämmerschlaf.

Dass ihm Reiser und sein Kollege, Dr. Christian Trumm, einen dünnen Schlauch in seine Leber einführen, nimmt er kaum noch wahr.

Der Patient auf dem OP-Tisch hat Leberkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Teile seiner Leber mussten bereits entfernt werden. Jetzt hofft er auf eine neue Behandlungsmethode, die Selektive Interne Radiotherapie (SIRT). Das Besondere: Tumore und Metastasen werden dabei vor Ort bestrahlt.

Millionen winziger Kügelchen aus Kunstharz spritzt der Operateur dazu in die Leberarterie. Radioaktives Yttrium, das an die Partikel gebunden ist, soll die Tumorzellen zerstören.

Kügelchen zerstören das Krebsgewebe von innen

"Die Leberarterie versorgt 75 Prozent des Tumorgewebes", erklärt der Radiologe Dr. Ralf-Thorsten Hoffmann das Prinzip der Methode. "Die Kügelchen reichern sich vor allem im Tumor an." So können die Ärzte gezielt die Krebszellen abtöten. Gesundes Gewebe wird kaum geschädigt, denn Yttrium strahlt nur wenige Millimeter weit.

Bis jetzt haben die Ärzte nur wenig Erfahrungen mit der neuen Methode. Erst 130 Patienten wurden in ganz Deutschland damit behandelt, 70 davon in Großhadern. Doch die Ergebnisse sprechen für die Therapie: "Bei mehr als 80 Prozent der Patienten konnte der Tumor verkleinert werden", so Hoffmann. "Der Rest blieb stabil."

Nebenwirkungen gibt es aber auch bei dieser Behandlung. "Manche Patienten klagen über Schmerzen im Oberbauch", so Hoffmann. "Viele fühlen sich hinterher abgeschlagen."

Der Erfolg hat sich herumgesprochen: "Pro Woche bekommen wir 15 bis 20 Anfragen von Kollegen, die Krebspatienten behandeln", sagt Hoffmann. Doch helfen kann die Therapie nur Patienten, bei denen alle anderen Methoden versagt haben und der Krebs noch nicht zu weit fortgeschritten ist.

Einer davon ist der 60-jährige Mann, der vor Prof. Maximilian Reiser auf dem OP-Tisch liegt. Unter örtlicher Betäubung setzt der Leiter der Radiologie, einen kleinen Schnitt an der Leiste. Durch die Öffnung führt er einen Katheter in die Beinschlagader. Auf dem Monitor vor ihm werden zuerst die Beckenknochen des Patienten sichtbar, dann die Umrisse der Leber. Langsam schiebt Reiser den dünnen Draht weiter bis in die Leberarterie.

Im Strahlenlabor bereiten Experten inzwischen die Kügelchen vor. Wenige Minuten später kommt der Strahlenmediziner Prof. Klaus Tatsch mit einem gläsernen Kasten mit den Yttriumkugeln. Mit einer Spritze injiziert er sie langsam in die Leber.

Die Therapie verspricht mehr Lebensqualität

Gisela Wegner beobachte die Behandlung aus dem Nebenzimmer. Sie hat die Operation schon hinter sich. "Das Einschießen der Kügelchen ist das Schlimmste", erinnert sich die 68-Jährige. Doch sie würde es wieder tun. Denn in der Leber der Brustkrebspatientin hatten sich immer mehr Metastasen gebildet. Selbst die Chemotherapie versagte. "Ich hatte zwölf Metastasen", erzählt Wegner. "Eigentlich ein Todesurteil." Die Ärzte entschieden sich für die Strahlentherapie - mit Erfolg: "Elf Metastasen waren hinterher verschwunden", so Wegner.

Vielleicht hilft sie auch dem Patienten mit dem Leberkrebs. Völlig geheilt wird aber auch er danach nicht sein. Denn die Behandlung greift zwar den Tumor an, kann ihn aber nicht komplett vernichten. Doch sie ermöglicht den Patienten zumindest ein längeres Leben mit weniger Beschwerden.

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