Leben für das Jenseits

- Ein Roboter kriecht durch ein Weltwunder der Antike. Der kleine, mit einer Miniaturkamera bestückte Automat soll herausfinden, ob ein enger Schacht in der viereinhalb Jahrtausende alten Cheops- Pyramide irgendwelche Geheimnisse birgt. Die Archäologen der Welt blicken nach Giza/Kairo. Obwohl von Grabräubern, Abenteurern und Archäologen bis heute in jedem erreichbaren Gang erforscht und von Touristen innen und außen belagert, ist die größte und älteste der drei Pyramiden, die in der Antike zu den sieben Weltwundern zählten, immer noch eine Forschungsreise wert. Der Pyramidenschacht, den der kleine Roboter im Jahre 2002 erforschte, barg übrigens keine spektakulären Geheimnisse, es ist nur ein Verschlussschacht zur Königinkammer.

<P>Doch solche Ergebnisse mindern nicht die Faszination dieser symmetrischen Riesenbauten, die manche Zeitgenossen für die Schöpfung Außerirdischer halten. Auch der Smog-verhüllte Hauptstadt-Moloch Kairo, die immer näher kriechenden Häuser des Vororts Giza, die aufdringlichen Kamelvermieter und Souvenirhändler können das Staunen nicht verdrängen, das jeden Besucher beim Anblick des Pyramidenkomplexes hoch über dem Nil, am Rande der Wüste ergreift. Die Pharaonen, die diese Pyramiden bauen ließen, gehören zur 4. Dynastie der ägyptischen Königsgeschichte: Khufu (der griechische Historiker Herodot nannte ihn Cheops), Chephren (wohl sein Sohn) und Enkel Mykerinos - die sich selbst als Söhne des Sonnengottes Re sahen. </P><P>Die riesigen Bauten sind Symbole der Macht und Kultstätten für das Leben im Jenseits. Sie haben der Geschichte mit allen ihren Kriegen getrotzt, ja selbst dem zerstörerischen Abriss ihrer Ummantelung - die Decksteine stecken in Gebäuden Kairos. Grabräubern entgingen die Pyramiden nicht, aber ein Weltwunder sind die mächtigsten Grabmäler der Erde noch heute. Drei Sargkammern wurden zunächst in der großen Pyramide entdeckt: die erste im Erdboden, die zweite (die "Königinnenkammer") etwas höher im Kernmauerwerk. Sie wurde 1872 aufgebrochen, einige Handwerksgegenstände, aber weder Sarg noch Mumie waren darin. Im Britischen Museum in London sind heute eine (Polier-)Kugel aus Dolerit und ein kupfernes Messgerät zu sehen. </P><P>Die dritte Kammer oberhalb der so genannten "Großen Galerie", durch die heute die Touristen stolpern, war die des Königs. Doch man fand dort nur einen leeren Granitsarkophag, sein Deckel ist zerbrochen. Zum Kammersystem der Pyramiden gehören auch Entlastungskammern für die Statik. Die Baumeister der Pharaonen hatten viel von früheren Bauten, wie etwa der misslungenen Knickpyramide, gelernt. Im Schatten der großen stehen kleine Pyramiden, gebaut für die königliche Familie. </P><P>Zum Pyramidenkomplex gehören zudem eine Tempelanlage und viele Gräber für die Hofleute. Sechs Sonnenbarken - Totenschiffe, mit denen der tote Pharao und seine Familie in das Jenseits reisen sollten - wurden auf dem Areal vergraben, zwei hat man zerlegt, aber fast unbeschädigt geborgen. Ein restauriertes Totenschiff steht heute in einem kleinen Museum neben der Cheops-Pyramide. Die Fahrt ins Jenseits - auch für die Pharaonen späterer Epochen war sie ein Ereignis größter Hoffnung, auf das sie sich mit prächtigen Grabanlagen und Totentempeln vorbereiteten. Wobei der Ruhm ihrer irdischen Taten in prächtigen Wandbildern konserviert wurde. Die berühmtesten Gräber der Herrscherfamilien des Mittleren und des neuen Reichs liegen bei Luxor, am Westufer des Nils, im Tal der Könige und in den angrenzenden Felstälern. </P><P>Ob es der große Eroberer Ramses II. ist, oder die faszinierende Pharaonin Hatschepsut - die steinernen Zeugen ihrer Herrschaft ziehen Besucher aus aller Welt magnetisch an. Mit Vorteilen für die Wirtschaft - und Nachteilen für die Denkmäler. Viele prächtige Wandbilder in den Königsgräbern sind vom Verfall bedroht, viele sind heute für Touristen gesperrt. Der Pyramidenkomplex von der Giza abgewandten Seite, v.l.: die Pyramiden des Mykerinos, des Chephren und des Cheops. Unten: Vom Verfall bedroht ist das Grab des Merenptah (13. Sohn und Nachfolger von Ramses II.).</P>

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