Aus dem Leben der Merowinger

- Wie lebten unsere Vorfahren, wie haben sich die Menschen ernährt, die einst in Mitteleuropa lebten, und welche Krankheiten machten ihnen zu schaffen? Diesen Fragen geht die Arbeitsgruppe "Anthropologie und Umweltgeschichte" der Professorin Gisela Grupe am Department für Biologie II der Uni München nach. Die Diplomandin Daniela Schulz etwa befasst sich gerade mit dem Alltag der Merowinger in der Zeit vom sechsten und neunten Jahrhundert nach Christus. Konrekt will sie herausfinden, wie lange die Merowinger-Mütter ihre Kinder stillten.

Vorsichtig entnimmt die Wissenschaftlerin aus einem Kindergebiss einen Zahn. Das Kind aus einer Merowinger-Familie wurde in einem für die Zeit typischen Reihengrab bei der heutigen Ortschaft Wenigumstadt bei Aschaffenburg entdeckt.

Um die Frage der Stillzeit zu klären, muss Schulz den Zahn bis in seine atomaren Bestandteile zerlegen. "So ein Zahn besteht aus Zahnschmelz und Dentin", erklärt sie. "Der Zahnschmelz, auf dem wir kauen, umgibt als Hülle den eigentlichen Zahn. "Für meine Untersuchungen benötige ich nur den Zahnschmelz", sagt die angehende Anthropologin. Das Verfahren ist neu in der Anthropologie. Schulz will testen, wie zuverlässig die Methode ist.

Zuerst wird der Zahnschmelz der Babys im Ofen bei 300 Grad drei Stunden lang erhitzt, dann gemahlen anschließend mit Säure behandelt und getrocknet. Übrig bleibt am Ende ein feines weißes Pulver, dessen atomare Zusammensetzung dann bestimmt wird. Um herauszufinden, wie lange die Kinder gestillt wurden, muss Schulz nun die Sauerstoffatome unter die Lupe nehmen. Es gibt schweren und leichten Sauerstoff. Der schwere Sauerstoff hat in seinem Kern mehr Neutronen als der leichte. "In der Muttermilch befindet sich vor allem schwerer Sauerstoff", erklärt Schulz, "diesen nehmen die Kinderzähne während des Stillens auf. Je länger also der Nachwuchs damals Muttermilch bekam, desto mehr schwerer Sauerstoff ist in die Kinderzähne eingebaut.

"Wenn wir Details aus dem Leben von Individuen oder ganzer Populationen erfahren wollen, müssen wir das Skelett und die Zähne der Menschen auf mikroskopischer oder molekularer Ebene untersuchen", erklärt Gisela Grupe, die Leiterin der Arbeitsgruppe. "Zudem interessieren wir uns für die damaligen Wanderungsbewegungen von Mensch und Tier, wir wollen wissen, wie unsere Vorfahren mit ihrer Umwelt umgingen und wie sie diese veränderten."

Daniela Schulz gehört auf ihrem Gebiet nun zu den Pionieren. Wenn sich ihre Untersuchungsmethode bewährt, wollen die Anthropologen derartige Studien künftig auch auf andere Kulturen ausdehnen.

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