Ein Leben nach der "Burg"

- München - Am Anfang dieser Lebensgeschichte eines an Schizophrenie Erkrankten stehen Hans und Gerdi, die Tänzer. Bruder und Schwester, Kinder im Grundschulalter. Der Vater spielt im Hintergrund Akkordeon. Bei Auftritten in Bars lässt er Tochter und Sohn wie dressierte Tiere tanzen. Charleston, "in schwarzen Lackschuhen", erinnert sich der heute 50-jährige Hans B. (Name geändert).Nach der Vorstellung werfen Zuschauer Münzen in den Beutel, mit dem der kleine Hans um die Gage bittet.

<P>Nachts zieht die Truppe weiter auf den Landstraßen im Nachkriegsdeutschland der Fünfzigerjahre. Manchmal wird in Hotels oder Pensionen übernachtet.<BR><BR>"Täglich eine Spritze reingehauen, dass man komplett ruhig gestellt ist."<BR>Hans B.<BR><BR>Vier Jahre lang lebt Hans B. in dieser speziellen Art Gefängnis und lernt außer Lesen und Schreiben nichts. Das heißt, er lernt noch, sich aus der Gegenwart wegzudenken, sich von seinen Gefühlen abzutrennen, wenn das Leben unerträglich wird. Und das wird es häufig. Zum Beispiel, wenn er unterwegs nackt unter einem Hotelbett liegen muss, auf dem sich der sadistisch veranlagte Vater mit mehreren Dirnen vergnügt.<BR><BR>B. durchläuft Waisenhäuser und lebt dann bei der überforderten Mutter. Die geht auch mal mit dem Messer auf ihn los. Seine Lehrstelle als Einzelhandelskaufmann wechselt er mehrmals, es melden sich erste Anzeichen reduzierter Belastbarkeit.<BR>Zum Militär eingezogen, sieht B. bei Drill nur noch Rot: "Wenn wir uns hinlegen sollten, bin ich einfach stehen geblieben. Hieß es ,Rechts um!' bin ich links rum", erinnert sich Hans B. an seine Verweigerungsaktionen. Er wird zum hilflos-störrischen Anecker.<BR><BR>Als B. 1979 auf der Straße landet, ist es nur noch ein Schritt bis zu seiner mehrjährigen Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik. Der Aufenthalt dort war für ihn kein Neuland mehr. 20 bis 30 Mal war er bereits sporadisch in der Münchner psychiatrischen Universitätsklinik an der Nußbaumstraße behandelt worden. Fast ebenso oft hatte er mit dem Bezirksklinikum Haar Bekanntschaft gemacht. Denn mit Anfang 20 war bei Hans B. Schizophrenie ausgebrochen.<BR><BR>Trotzdem, die endgültige Einweisung in die Psychiatrie war, glaubt man den Schilderungen, überzogen. B. hatte einen Polizisten in den Finger gebissen, wurde dafür gerichtlich verurteilt und kam nach Haar in den geschlossenen Trakt für psychisch erkrankte Schwerkriminelle, die "Burg". Gabriele Schleuning, Chefärztin der Münchner psychiatrischen Kriseninterventionseinrichtung "Atriumhaus", kennt B. seit dieser Zeit. Sie hält die Aktion ebenfalls für unangemessen. Die Begegnung mit der engagierten Sozialpsychiaterin, sagt B., habe ihm entscheidend geholfen. "Psychiater und Juristen sollen genau hinschauen", zieht Hans B. ein kritisches Fazit aus seinen Erfahrungen.<BR><BR>Die Klinikaufenthalte empfand B. überwiegend als "Zuballern mit Medikamenten". Geschmerzt hat ihn dort der oft wenig differenzierende, entmündigende Umgang, der Beziehung zerstört anstatt sie aufzubauen. Im Lauf der Zeit verschlechtert sich dort Hans B.s Gesundheitszustand eher.<BR><BR>Dass bei ihm eine Krankheitsgefährdung vorliegt, wäre mit den heute entwickelten Präventionsmethoden früh abzulesen gewesen. "Die Möglichkeiten der Früherkennung verfeinern sich bei der Schizophrenie ständig. Das erspart Betroffenen Leid und dem Gesundheitssystem eine Menge Geld", sagt Schleuning.<BR><BR>Als Hans B. in den Haarer Hochsicherheitstrakt gebracht wurde, in dem unter anderem hirnorganisch gestörte, mehrfache Mörder untergebracht sind, war sein erster Eindruck, "dass die hier alle spinnen". Er habe, sagt er, kaum geredet. Wirkliche Gespräche seien nicht möglich gewesen. B. bekam "täglich eine Spritze reingehauen, dass man komplett ruhig gestellt ist". So vegetierte er zwei Jahre dahin.<BR><BR>Er sagt heute, gebessert habe sich sein Zustand erst, als er auf die damals noch in Haar arbeitende Psychiaterin Schleuning getroffen sei: "Sie hat die Medikamentendosis genau mit mir abgesprochen", und sie habe ihn als Person mit der Fähigkeit zur Eigenverantwortung ernst genommen.<BR><BR>Heute lebt Hans B. in einer eigenen Wohnung. Ab und zu schaut er im Atriumhaus vorbei. Bei der Begrüßung umarmt er Chefärztin Schleuning, "die Gaby". Trotz seines Alters schmiedet er Pläne, noch einmal in seinem erlernten Beruf als Kaufmann zu arbeiten.<BR><BR></P>

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