Ein Leben mit Schizophrenie

Porträt: - München - Auf sechs Spuren dröhnt der Verkehr. Wulf Peter Hansen schließt die Augen und schreitet los. Bremsen quietschen, Hupen tröten. Doch Wulf Peter Hansen geht weiter, ruhig, unbeirrbar. Ihm kann nichts passieren. Denn seit wenigen Tagen kennt er seine Mission. Seither ist er nicht mehr Wulf Peter Hansen, BWL-Student in Heidelberg. Seither ist er der wiedergeborene Jesus Christus. Er ist überzeugt: Alle werden es erkennen, irgendwann.

"Das waren massive psychotische Symptome", sagt Hansen heute. Er sitzt am Küchentisch seiner Münchner Zwei-Zimmer-Wohnung, lächelt und zündet sich eine Zigarette an. Das Nikotin dämpft die Nebenwirkungen der Medikamente. Davon nimmt der 48-Jährige eine Menge. "18 Tabletten täglich", sagt er. Dazu Tropfen und wöchentlich eine Depot-Spritze beim Arzt.

Die Nebenwirkungen sind nicht schwer. Nur kamen mit den Pillen die Pfunde. "Früher war ich ganz schlank", sagt Hansen und klopft sich auf den Bauch. Doch habe er sich damit arrangiert. Denn er weiß: Nimmt er die Pillen nicht, kann sich der Riss wieder auftun. Der Riss zwischen seinem Ich und der Welt. Hansen leidet an Schizophrenie, seit 26 Jahren.

Depressionen kündigten die Krankheit an

Der Riss tat sich zum ersten Mal 1980 auf. Er war 21 Jahre alt. Der einst gute Schüler litt seit fünf Jahren an Depressionen, hatte drei Selbstmordversuche hinter sich -ein dunkles Vorspiel der Krankheit, wie er heute weiß. Er lebte in einer Wohngemeinschaft, und da ging es ihm auf: Jesus Christus war der Sohn zweier Menschen, auch ich bin der Sohn zweier Menschen. Auch ich bin auserkoren. "Es war wie etwas Fremdes, das auf mich zukam", erzählt Hansen. Doch der fremde Gedanke wurde "zum ureigensten Sein", zur magischen Formel. "Ich bin auserkoren, ich bin Jesus Christus", hieß sie.

Hansen weiß nicht, warum sein Ich sich gerade diese Wirklichkeit schafft. "Ich bin zwar gläubig, aber nur wie jeder normale Christ", sagt er. Fünf Tage lang zog der 21-Jährige durch die Stuttgarter Altstadt, ließ Menschen ihre Sünden beichten, segnete die Besucher in der Kirche, blickte in schlaflosen Nächten am Neckar in die Tiefen der Welt. Noch heute erinnert er sich an Wahnbilder, den grünen Rauch, der aus einer Kaffeemaschine aufstieg. An einen Zeppelin mit Außerirdischen, der vor ihm landete. "Die Bilder, die Erinnerungen sind ganz klar", sagt er.

Doch Hansens Welt war damals eine andere. "Die Welt der Schizophrenie ist stimmig, aber als Ganzes verschoben", erklärt er. Einem Gesunden sei das schwer klarzu machen, dieses "Konglomerat aus Gefühlen". "Es ist wie ein Albtraum, aus dem man nicht erwachen kann." Todesangst plagte Hansen. Er wusste: Eine Atombombe würde die Welt zerstören. Wild tanzend versuchte er, Menschen am Bahnhof vom drohenden Unheil zu überzeugen. Bis ihn die Bahnwache abführte. Die Beamten riefen Hansens Eltern.

Der Vater, selbst Arzt, stellte eine Psychose fest. Ein Krankenwagen brachte seinen Sohn in die Klinik. "Ich drückte selbst den Knopf für den fünften Stock", erzählt Hansen. "Psychiatrie, geschlossene Abteilung", stand darauf. Medikamente brachten ihn zurück in die Wirklichkeit. Das Erwachen kam schnell und ohne Schonung. "Es ist ein Gefühl grenzenloser Einsamkeit", sagt Hansen. Der Alb, die Todesangst waren weg, und doch war da ein bitteres Gefühl, etwas verloren zu haben. Denn im Wahn war Hansen das Zentrum der Welt: Jedes Nummernschild enthielt eine Botschaft für ihn, jedes Flüstern drehte sich um ihn.

Jetzt war er klein, krank, bedeutungslos. Hansen malt eine Sinuskurve in die Luft. Nach dem Gipfel kommt ein steiler Fall, und es geht schnell tief unter null -an die Psychose schloss sich eine schwere Depression. Nach neun Monaten konnte Hansen die Klinik verlassen. Mit seiner unheilbaren Krankheit habe er sich rasch abgefunden, erzählt er. Doch erlaubte sie kein einfaches Leben. Immer wieder tat sich der Riss auf, trotz Medikamenten.

Hansen begann, Betriebswirtschaft zu studieren. Zu viel Stress. Die Krankheit kam wieder -und Hansen war wieder Jesus Christus . Er kam erneut in die Psychiatrie. Und danach kam wieder das Gefühl, anders zu sein. "Man glaubt, man kriegt nichts in den Griff -und es stimmt ja auch", sagt er. Auch macht es die Welt den Schizophrenen schwer. "Man hat ein Stigma", sagt Hansen. In einem Hotel erzählte er einem Gast von seiner Krankheit. Am nächsten Morgen klopfte es an der Zimmertür. "Sie können noch frühstücken, dann verlassen Sie unser Haus", hieß es. "Menschen wie Sie wollen wir in unserem Hotel nicht."

Hansen hilft Schizophrenen, mit der Krankheit zu leben

Heute hat Hansen das Gefühl überwunden, keinen Platz in dieser Welt zu haben. Denn er hat eine Aufgabe gefunden: Im Verein "Basta", einem Bündnis für psychisch erkrankte Menschen, kämpft er seit 2002 gegen Vorurteile, hält Vorträge, besucht Schulen. "Ich bin dann der Schizophrene zum Anfassen", sagt er und lacht. Das hat er gelernt, über seine Krankheit auch zu lachen. Die Aufgabe, die ihm zum Beruf wurde, gibt ihm Kraft. Auch die Kraft, über seine Krankheit zu sprechen.

Das tut Hansen vor allem mit anderen Kranken. In Gruppen an Kliniken schult er Betroffene, hilft ihnen, ihre Krankheit zu verstehen und mit ihr zu leben. Wulf Peter Hansen hat das gelernt. Er hat Freunde, Schizophrene und nicht Betroffene. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist gut. Sein letzter schwerer Krankheitsschub liegt zehn Jahre zurück. "Ich bin ein zufriedener Mensch", sagt er. Auch wenn er weiß, dass er nur "symptomfrei" ist und nie gesund sein wird. Der Riss ist nur verschlossen. Er kann sich jederzeit öffnen.

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