Lebensbaum - Schandmal - Siegeszeichen

- Wenn in diesen Tagen vom Kreuz die Rede ist, dann vor allem mit Blick auf den XX. Weltjugendtag. Das Weltjugendtagskreuz, ein großes schlichtes Holzkreuz, (380 cm hoch, 175 cm breit) wird nach einer 40-tägigen Fußwallfahrt junger Pilger am 16. August zur Eröffnungsfeier des Weltjugendtages in Köln erwartet.

Das Kreuz hatte 1983 Papst Johannes Paul II. der Jugend der Welt anvertraut. Seither nahm es seinen Pilgerweg durch die Kontinente. Das jeweilige Gastgeberland eines Weltjugendtages übergibt es an die Jugend, die das nächste Treffen ausrichtet. Am Palmsonntag 2003 übergab Kanada das Kreuz an eine deutsche Abordnung, es wurde durch Europa bis nach Lourdes (2004) und durch die deutschen Diözesen.

Nicht nur als Zeichen der Passion Jesu zieht das Kreuz die Menschen an, seine Symbolkraft hat in der gesamten Menschheitsgeschichte eine tiefe kulturelle und religiöse Bedeutung.

Prägendes Element des Kreuzes ist die Zahl Vier. Das Kreuz umspannt die vier Himmelsrichtungen, ist Sinnbild des ganzheitlichen Universums und -betrachtet man die beiden Kreuzesarme für sich -auch der Vereinigung von Gegensätzen. In ihm verknüpfen sich Zeit und Raum, Himmel und Erde, göttliche und irdische Dimension. In letzterem Sinne wird das Kreuz vor allem in Asien aufgeteilt in ein aktives, männliches und ein passives, weibliches Prinzip.

Schon in der Frühzeit des Menschen war das Kreuz ein verbreiteter und beliebter Schmuck- oder Kultgegenstand. Man kennt es aus archäologischen Funden mit gleichlangen Armen, als Radkreuz in einen Ring eingesetzt und damit als Sonnensymbol, oder als Hakenkreuz -die Aufzählung ließe sich lange fortsetzen.

Sehr eindringlich ist die Form des Ankh, des altägyptischen Schleifenkreuzes. Das Zeichen bedeutet "leben" oder auch "das Laben". Man findet es in vielen religiösen Darstellungen aus der Pharaonenzeit. Gottheiten halten das Ankh in den Händen und reichen es dem König, damit er den "Lebenshauch" an das Volk weitergibt. In der Amarnazeit, als Echnaton herrschte, endeten auch die Strahlen der Sonnenscheibe mit dem Lebenszeichen. Koptische Christen übernahmen das Zeichen für das Kreuz Christi als das wahre Lebens- Zeichen, und heute gilt das Kreuz allgemein als das Symbol des Christentums.

Ursprünglich wurde es in diesem Zusammenhang aber nur sehr zögerlich verwendet, galt doch das Kreuz als Schandmal, der Kreuzestod als anstößig, als Strafe für Schwerverbrecher und als brutales Folter- und Unterdrückungsinstrument im römischen Imperium. Ein Gekreuzigter war entehrt, man verweigerte ihm jede Bestattung. Auch die Evangelien schildern in ihren Berichten über den Tod Jesu nicht explizit die Form eines Kreuzes; der griechische Text spricht vielmehr vom "Pfahl".

Für das spätkaiserzeitliche römische Reich war die Vorstellung, daß der mit dem allmächtigen Schöpfergott wesensgleiche Gottessohn und Erlöser der Welt den Tod gerade am Kreuz gefunden hatte, zunächst ein Widerspruch in sich. Das Bekenntnis zum Gekreuzigten traf daher auf Unverständnis, wenn nicht Häme; es entstanden Spottkruzifixe. Bekannt ist die Darstellung aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts, die einen Gekreuzigten mit Eselskopf zeigt.

Die erste datierte Darstellung des Kreuzes auf einem christlichen Denkmal fanden Archäologen auf einer Inschrift aus dem Jahr 134, in der römisch-syrischen Metropole Palmyra. Doch erst im 4. Jahrhundert wurde das Kreuz als christliches Signum anerkannt. Ausschlaggebend dafür war die Legende um die Entdeckung des Kreuzes Christi durch Helena, die Mutter Kaiser Konstantin I. (306-337). Um 400 ist dann die Verehrung des heiligen Kreuzes in Jerusalem bezeugt, es wird zum heilbringenden Siegeszeichen. Um diese Zeit tauchen auch erste Kreuzesdarstellungen in Kirchen auf. Seither steht es als Symbol für den Sieg Christi über den Tod und seine Universalherrschaft, als Zeichen für den Glauben und die Hoffnung der Christen. Damit nimmt es auch seinen Einzug in den privaten Alltag, findet sich auf Dingen des täglichen Gebrauchs, auf Gewändern oder als Schmuck. Am Ende des ersten Jahrtausends durchdringt das Kreuzzeichen alle Bereiche des Imperiums.

Eine der einschneidendsten Entwicklungen durchläuft das Zeichen seit dem Jahr 1200: der Heilsaspekt weicht zunehmend einer neuen Akzentsetzung; Kreuze werden vornehmlich als Kruzifixe dargestellt, mit dem geschundenen Leib Christi, sie stellen das Leiden in den Mittelpunkt.

Heute begegnet uns das Kreuz in einer fast unüberschaubaren Vielfalt. Es durchdringt die Kunst und alle Gesellschaftsbereiche. Und entfernt sich wieder vom christlichen Verstehenshorizont.

Seit Mitte 1980 findet man religiöse Symbole, also auch das Kreuz, in der Mode und im Schmuckdesign, mit ungebrochen anhaltendem Trend. Es erobert die Popkultur und geht als Piercing oder Tattoo schon lange unter die Haut. Andererseits ist das Kruzifix wieder zum störenden Stein des Anstoßes geworden, behandelt vor dem Bundesverfassungsgericht. Das Weltjugendtagskreuz, als Zeichen des Glaubens, der Gesprächsbereitschaft und der Solidarität, soll dazu ermutigen, sich wieder auf seine christliche Botschaft einzulassen.

Tipps:

Die Abbildungen stammen aus dem Bildband Kreuz und Kruzifix -Zeichen und Bild, das im Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu als Begleitkatalog zur großen Ausstellung im Diözesanmuseum Freising erschienen ist. (ISBN 3-89870-217-0). Die Ausstellung selbst ist noch bis zum 3. Oktober im Dombergmuseum Freising zu sehen. (Dienstag- Sonntag 10-17 Uhr)

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