Die Lehrmeister der Nacht

- Nacht für Nacht dasselbe Theater: Züge fahren durch das Büro, Autos können plötzlich fliegen und Hunde rezitieren Gedichte. Das Vernunftzentrum im Gehirn ist ausgeschaltet, während wir im Schlaf einen Wirrwarr an Erinnerungen und bizarren Bildern erleben. Doch wozu das alles? "Träume sind eine Art Offline-Probe für das Leben, bei der wir unser Gedächtnis trainieren", sagt Michael Wiegand, Psychiatrie-Professor der Technischen Universität München und Leiter des Schlafmedzinischen Zentrums im Klinikum Rechts der Isar.

Nicht erst seit den Psychoanalytikern Sigmund Freud und Carl Gustav Jung ist die Menschheit dem mysteriösen Phänomen der Träume auf der Spur: In der Antike deutete Artemidorus von Daldis sie als Prophezeiungen, Platon sah in ihnen einen Zugang zur Welt der Ideen. Und in der Bibel tauchen Träume immer wieder als Sprache Gottes auf. Die Funktion des Traumes ist bis heute jedoch nicht eindeutig geklärt. Lange Zeit vermutete die Psychoanalyse in den nächtlichen Filmsequenzen verdrängte Wünsche, die durch die verzerrten Bilder ins Bewusstsein gelangen.

"Die Vernunft passt nicht auf, was wir träumen"

In gewisser Weise nicht ganz falsch, sagt Wiegand: "Die Vernunft passt nicht auf, was wir träumen. Der kritische Zensor ist ausgeschaltet." Mit EEG und bildgebenden Verfahren konnten Forscher nachweisen, dass im Traum neben dem Sehzentrum vor allem das sogenannte limbische System, das im Gehirn Gefühle verarbeitet und Triebe steuert, auf Hochtouren läuft. Ganz anders die Stirnlappen, in denen die kritische Vernunft haust. Die sind dann sozusagen vom Netz genommen.

Doch das im Traum enthemmte Gehirn soll nicht in erster Linie Wünsche befriedigen, sondern den Träumenden für die Realität wappnen, vermutet Wiegand. "Die meisten Träume sind banal." Statt in der persönlichen Parallelwelt jede Nacht nur aufgestaute Gefühle, Ängste und Lüste rauszulassen, setze sich im Schlaf der Alltag fort: "Wir spielen mit dem Material, das uns das reale Leben anbietet."

Entscheidend für das nächtliche Kinoprogramm sind vor allem die Erlebnisse des Tages, besonders die der letzten zwei Stunden vor dem Schlaf. "Im Schlaflabor zum Beispiel berichten mir unverhältnismäßig viele Probanden von einem Traum, der um die Laborsituation kreist", erzählt Wiegand.

Einige moderne Traumforscher stützen sich auf die Theorie des finnischen Psychologieprofessors Antti Revonsuo. Er glaubt, Träume seien eine Art Simulator-Training, bei dem man bedrohliche Ereignisse durchspielt, um Gefahren im Ernstfall besser vermeiden zu können. Gerade Albträume hätten hier große Bedeutung.

Auch für scheinbar automatisch ablaufende Handlungen wie Fahrradfahren oder Klavierspielen sind die geträumten Übungsstunden wesentlich. Im Schlaf bauen und sanieren wir förmlich biochemische Brücken zwischen den Hirnzellen. "Durch das kontinuierliche Proben genetisch programmierter Muster bleiben neuronale Verknüpfungen in Betrieb", erklärt Wiegand.

Wie der Mensch lernen offenbar auch Tiere im Schlaf. Zebrafinken lieferten amerikanischen Wissenschaftlern den Beweis. Deren Nachwuchs hört tagsüber das Gezwitscher der Eltern und versucht selbst zu singen. Nachts sind die Jungvögel still, träumen aber vom Zwitschern und merken sich dabei Melodien, die sie am Morgen plötzlich nachträllern können, vermuten die Forscher.

Aber das bequeme Pauken mit dem Wörterbuch unterm Kopfkissen bleibt wohl ein Ammenmärchen. Denn was für Handlungen gilt, bei denen das Bewusstsein weitgehend passiv ist, kann nicht einfach auf andere Hirnfunktionen übertragen werden. "Träume schulen das prozedurale Lernen. Für das lexikalische Lernen sind sie weniger entscheidend", sagt Wiegand. Auswendig gelernte Vokabeln könne man zwar deutlich besser nach ausreichend Schlaf erinnern, aber die nächtlichen Filmschnipsel in den Traumphasen spielen dabei keine besondere Rolle.

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