Das Leiden der Maus im Dienste des Menschen

- München - Die weiße Labormaus kämpft. Ein zylindrischer Metallkäfig lässt ihr kaum Platz. Die Krallen kratzen hilflos an den dünnen Gitterstäben, ihren Kopf will sie seitlich aus dem Behälter zwängen - vergeblich. Die Maus wird später in einer Spezialkammer giftigen Gasen ausgesetzt. Und wahrscheinlich daran sterben.

2,1 Millionen Versuchstiere, zu 90 Prozent Mäuse, Ratten und Kaninchen, sind allein 2001 in Deutschland eingesetzt worden. Das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Tierfreunde sprechen von einer drastischen Zunahme. "Die steigenden Zahlen sind ein Alarmsignal", kommentiert Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, den Tierschutzbericht der Bundesregierung.

In Bayern ist die Entwicklung weniger dramatisch. Für den Anstieg der Versuchstierzahlen im Freistaat um rund acht Prozent auf 201 450 im Jahr 2001 ist nach Angaben des Bayerischen Gesundheitsministeriums hauptsächlich die Genforschung verantwortlich. In anderen Bereichen seien die Zahlen gesunken, etwa in der Arzneimittelentwicklung um 12 Prozent.

Für die bayerischen Grünen besteht aber gerade im Bereich der Genforschung dringender Handlungsbedarf: "In den Statistiken werden nur die genetisch veränderten Tiere erfasst, es gibt aber unzählige Fehlversuche, bis das gewünschte Tier gezüchtet wird", betont Elvira Schiöberg, Referentin für Tierschutz in der Grünen-Landtagsfraktion. Wissenschaftler wie der Münchner Krebsforscher Bernd Gänsbacher sehen das anders: Um bestimmte Krebsarten (wie Brust- oder Prostatakrebs) zu erforschen, bei denen man eine genetische Teilursache vermutet, sei es in einzelnen Fällen sinnvoll, Experimente mit genetisch veränderten Tieren zu machen, erklärt der Professor für Onkologie am Klinikum rechts der Isar. "Nur so können wir nachweisen, welches Gen für die Krankheit veranwortlich ist und dann ein Medikament entwickeln."

Immerhin, in einem Punkt besteht inzwischen Einigkeit: Der Tierschutz wurde im Jahr 2002 im Grundgesetz verankert. Seitdem können die Kommissionen, die die Tests genehmigen, nicht nur prüfen, ob ein Versuch wissenschaftlich begründet, sondern auch, ob er ethisch vertretbar ist. Dies ist insbesondere dann fraglich, wenn die Tiere starke Schmerzen erleiden müssen, der wissenschaftliche Nutzen aber vergleichsweise gering ist.

Wenn es nach dem Tierschutzbund geht, wäre die Arbeit der Kommissionen jedoch bald überflüssig. "Eine Forschung ohne Tierversuche ist machbar, ohne den medizinischen Fortschritt oder den Verbraucher- und Umweltschutz zu behindern", meint Verbandspräsident Wolfgang Apel. Bereits seit 1989 werden die Wissenschaftler über Alternativen informiert - von der ZEBET, der Zentralstelle für die Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch.

"Wie chemische oder pharmazeutische Stoffe wirken, kann an Zellkulturen oder ganzen Organen getestet werden", erläutert Roman Kolar, stellvertretender Leiter der Akademie für Tierschutz in Neubiberg bei München. Der Biologe führt zwei Argumente gegen Tierversuche ins Feld: "Das Verhalten vieler Stoffe im menschlichen Körper ist bereits bekannt". Außerdem, so Kolar, könne sich eine Substanz bei einer Maus anders auswirken als bei einem Menschen.

Doch ganz ohne Versuche an Mäusen, Ratten oder Kaninchen geht es nach Ansicht von Krebsforscher Gänsbacher nicht: "Vor der Einführung von Medikamenten muss die Verteilung des Wirkstoffes in einem lebenden Organismus getestet werden." Nur so könne man sehen, ob ein Arzneimittel Leber oder Nieren schädigt: "Eine Zellkultur genügt nicht, um die richtige Dosis zu bestimmen", so Gänsbacher. Wer einen kompletten Verzicht auf Tierversuche fordere, sehe "nur durch die Brille des Gesunden".

 

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